Demophobie?

= die Angst vor dem Volke.

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vor kurzem noch hatte ich gedacht, dass wäre meine diagnose.
aber angst ist es eigentlich nicht, oder doch?
wut vielleicht
aggression (der in letzter zeit erschreckenderweise bestimmende grundton)
es könnte aber auch sein (achtung, hobby psychologe am start), dass wut & aggression nur symptome eines viel tiefer liegenden problems wären…?
(…ach menno, hätte ich doch nur den blöden studienplatz in psychologie bekommen anstelle von kloppi avl!)

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ich war eigentlich schon immer ein schneller fußgänger. die wichtigsten personen meiner frühen kindheit, an deren händen ich über und duch die straßen ging, sind ebenso schnell gelaufen. ob sie es einfach eilig hatten oder eben viel beschäftigt waren, bleibt unerforscht. mich hat es in jedem fall beeindruckt und geprägt.
ein stadtkind war ich auch schon immer. finde mich einfach besser zurecht. ich habe nichts gegen natur, so grundsätzlich ist das schön, aber ich lebe in der stadt.

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erst vorgestern: ich schlängel mich gewohnt fix durch die auto-und rikshawmengen, haste die treppen zum skywalk (eine Art Fußgängerbrücke, englischer Artikel hier) hoch als sich so ein möchtegernschnellgeher vorbei drängelt. es ist wirklich eng da auf der treppe und ICH GEHE SCHON SO SCHNELL ES HIER GEHT. aber er möchte gern testosteron beweisen und drängelt sich vorbei. es ist klar wie kloßbrühe was passiert: er vorbei, und stürmt oben angekommen los, hatt aber (grob geschätzt mangels kondition und erfahrung) nicht genug energie, dass auch die ganzen 7minuten (jaa, so lang ist der skywalk) durchzuziehen, das tempo. ICH weiß das und ICH kann das auch. ich also hinterher und BÄNG nach 2 minuten habe ich ihn wieder eingeholt. er sichtlich überrascht, dass ich immernoch da bin (ja, man soll uns europäerinnen niemals unterschätzen!), will mich aber nicht vorbeilassen und fängt so einen blöden zickzack an. ich komme mir vor, wie im vorgartenkleinkrieg….echt, son scheiß. ich hab die schnauze voll und rempel ihn an und an ihm vorbei. ich hab da echt keine zeit für du purzelzwerg!!
das klingt lustig, ne?
ist es aber nur, beim ersten oder zweiten mal.

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generell versuche ich, die zeit, die ich in menschenmassen laufend in indien verbringe, auf ein minimum zu reduzieren. also selbst wenn ich nicht gern schnell laufen würde, wäre das so.
ich bin da eigentlich auch ganz gut drin, weil ein bisschen furchtlos.
und im prinzip sind die stadtinder meister im aneinander vorbei gehen OHNE sich zu berühren.
IM PRINZIP

was mich allerdings der alltag lehrt, ist eine andere realität. ich werde regelmäßig gestreift und angerempelt.
in 99% der fälle von männern….zufall?
dabei gibt es dann die unschuldigen, die mit dem arm dein bein streifen.
und die bösartigen, deren ellenbogen sich brutal in deine brust rammt. das tut weh. das ist nicht nett. das passiert viel zu oft und ist auf dem weg von/zur arbeit auch sehr unerwünscht.
ich laufe inzwischen also mit gesengtem kopf (die blicke sind nämlich noch schlimmer) und kopfhörern (den neben körperlicher belästigung gibt es ja auch noch die verbale) und dann, wenns richtig drängelig wird,  mit angezogen ellenbogen, so dass meine arme meine brust verdecken.

ich versuche WIRKLICH mich nicht mehr so sehr aufzuregen über all das. auch nicht über die bummler, die im dichtesten rush hour wusing gemütlich dahin schlendern und dann gern auf dem treppenabsatz stehen bleiben, um vielleicht doch noch mal ausgiebig darüber nachzudenken, ob sie jetzt da runter/hoch gehen oder doch nicht.

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demographie
=
die angst vor dem volke.

ich bin inzwischen der meinung, dass ich aus angst da so durchrenne. aus angst vor der in mir aufkeimenden agression. ich stoße manchmal schon sehr heftig zurück. wie oft und wie lange kann man sich denn schupsen lassen, ohne zurück zu schupsen?
zurück glotzen kann ich ja schlecht und das was ich gern anstelle dessen tun würde, beraubt mich jeder würde.
ich lasse es also. solange wie ich kann. stecke den kopf zwischen die hörer und gucke auf den fußboden. da liegen eh genug müll, dreck und bettler, auf die man acht geben muss.

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zum abschluss nun, als musikalischer ausdruck meiner wachsenden verzweiflung ein liedchen, was mir zugespielt wurde. was mich an diesem lied so fasziniert: mir ist das kackwetter egal, matschbraun egal. es ist leer und ruhig. vom meer in die leeren straßen. ein traum.
man möge nachsicht mit mir haben und mit mir hoffen auf ein bisschen:

a.


what a life we’re living

auf der bandra station tummeln sich verschiedenste bettler. morgens andere als abends. meistens muslime, ein muslimischer slum ist gleich angedockt und expandiert gerade wieder.

am anfang kam es mir vor wie ein sammelsorium an grausamkeiten, wie ein gruselkabinett. die verstümmelungen und das ausmaß an elend, was sich dort versammelt, ist für das europäische auge ein schock. man guckt lieber weg. kann es trotzdem nicht und muss doch irgendwie da durch. jeden morgen.

stück für stück habe ich mich daran „gewöhnt“, kenne die einzelnen alten blinden männer inzwischen gut und ihr stetig brummendes „allaaah“. sehe immernoch bewusst bei den frauen weg, die kleine schmutzige babys in den armen halten und bin immer wieder erstaunt, in welchem ausmaß der menschliche körper deformiert werden kann.

einzelne „fälle“ wie folgender verarbeitet man aber wohl nie:

ziemlich zentral inmitten der stetig rauschenden menschenmenge liegt gelegentlich ein kind, ein mädchen. als ich sie das erste mal bemerkte, hatte ich für die stunde danach einen kloß im hals, denn dieses mädchen besteht eigentlich fast nur aus einem rumpf, der die größe einer 4jährigen hat, geschätzt.
mein erster gedanke war: contergan! denn die arme und beine sind im ansatz schon vorhanden.
seltsam babylike  wackelte sie mit dem unterleib hin und her, der in eine art windel gewickelt war.
keine mutter weit und breit.

viele male traute ich mich nicht richtig hinzusehen, erhaschte im vorübergehen einen kurzen blick auf das mädchen.

immer lag sie dort allein

immer wackelte sie mit ihrem unterleib

manchmal hatte sie eine babykappe auf, aber nach und nach konnte ich erahnen, dass sie durchaus kein baby mehr ist.

um so öfter ich einen kurzen blick in das gesicht des mädchens warf, wurde mir stück für stück bewusst, dass es kein mädchen ist….
sicher auch noch keine frau, aber wohl deutlich älter als 3 oder 4 jahre.

nun fingen die gedanken an zu wandern.

jemand muss sie dort regelmäßig ablegen, allein schaffst sie das wohl kaum. ist dieser jemanden auch verantwortlich für ihr erscheinungsbild als kleinkind? sicher, ein baby erregt mehr mitleid.
was für ein leben lebt sie und ist ihr bewusst, wie sie dort präsentiert wird? ist es ihr egal? ist das eben die art, wie sie ihr geld verdient oder doch wesentlich mehr?

ich sehe sie jetzt nicht mehr als eine der vielen armen kreaturen in dieser stadt, sie ist…ja, ein mensch, eine person geworden. ich nehme an ihrem leben keinen anteil, aber sie hat ein gesicht.

was für ein seltsames leben wir leben.


demokratie ist demokratie

Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, die die Westler nach Indien treiben. Die Motive ragen sehr weit auseinander und jeder kommt mit seinem eigenen Bild im Kopf, dass natürlich auch voller Klischees ist. Diese spielten natürlich auch für mich eine Rolle und obwohl ich mich bereits „in die Materie eingelesen“ hatte und mir versucht habe, im Vornherein ein Bild von der Lebenssituation dort zu machen (an diesem Punkt noch einmal einen großen Dank an unser aller Inspiration, der lieben Nosianai  ), erging es mir nicht anders: ich kam mit Bildern im Kopf und war dann vor Ort total verloren, zumindest zunächst.
Eines dieser Bilder bezog ich auf die Vorstellung, es gäbe hier jede Menge Probleme mit Wasser und Elektrizität. Ich stelle mich also auf den schlimmsten Fall, der dann NATÜRLICH nicht eintrat. Ja, es gibt (im Vergleich zu deutschen Standards) immer wieder Schwankungen und zum Sommer hin wird das Wasser sehr knapp. Aber nichtsdestotrotz läuft es doch irgendwie in Bombay (hier läuft ja alles immer irgendwie) und im ersten halben Jahr hatte ich, glaube ich, einen! Stromausfall.
Irgendwann war ich dann an hin und wieder auftretende Schwankungen gewöhnt, beschwerte mich wie alle über die Wasserabschaltungen im Sommer, aber ging eben irgendwie damit um.
Aber wie das so ist mit den trügerischen Lebensumständen in dieser Stadt: immer dann, wenn man denkt, ok, jetzt biste angekommen, hast deinen Rhythmus gefunden….macht‘s ordentlich RUMS! und du wirst eines Besseren belehrt. Die Stadt streckt dir also wie Kali in regelmäßigen Abständen die schwarze Zunge heraus, um zu demonstrieren, WER hier den Ton angibt.
Gestern war wieder so ein Tag.
Ich bin inzwischen mitten im Arbeitsalltag angekommen. Ich habe viel zu tun und gebe auch dementsprechend viel Energie da rein, liegt mir das doch auch am Herzen irgendwie (jaja, ein Freund der Kulturmühle) und ich trotte Abends müde nach Hause, in der Hoffnung, dass sich die Umstände zu Hause nicht ausgerechnet HEUTE verschlechtern. (Das ist im Übrigen noch eine andere Geschichte wert) Gestern kurz vor fünf Uhr nachmittags rummorten die Buschfunktrommeln gewaltig. Das fasziniert mich auch immer wieder. Schon einige Male, zuletzt bei den Bombenattentaten im Juli diesen Jahres, konnte ich erleben, wie schnell sich Nachrichten in dieser Millionenmetropole verbreiten. Die Nachrichten strömen durch die Straßen und erreichen auch die kleinsten Winkel und den entferntesten Hörer im Minutentakt. Die heutige Nachricht lautete: neben der anscheinend schon erwarteten Busstreiks, sind ab sofort auch die Züge der Western Railways Linie im Streik. Was in den folgenden Minuten im Büro passiert ist für mich eine dieser typischen „indischen“ Situationen: Alle packen hektisch zusammen, die Stimmen auf den Fluren sind zwei Oktaven höher als normal. Überall wird telefoniert: du musst SOFORT nach Hause fahren! … Vielleicht erwischen wir noch einen Zug! … Ich bleibe auf keinen Fall die Nacht hier! …
In solchen Momenten wird jegliche Logik Lügen gestraft. Niemand versucht, klar zu denken und ist damit beschäftigt seinen sprichwörtlichen Arsch zu retten.
Ich verstehe, warum diese Reaktion so ausfällt und ringe selbst mit mir, denn was mache ich, wenn ich hier in zwei Stunden aufbreche und kein Zug, kein Bus und kein Taxi zur Verfügung steht? Trotzdem ärgert mich, dass sich anscheinend Niemand darum schert, was mit der anstehenden Arbeit passiert. Es rufen schließlich Leute an, die davon ausgehen, dass hier gearbeitet wird. Ich selbst warte auch noch auf eine wichtige Mail…
Ich bin also die Einzige, die erst einmal fragt, von wem diese Information kommt, die versucht, zu überprüfen, ob da was dran ist (ja, manchmal ist selbst das Internet zu langsam) und überlegt, wie sie schnell noch ein paar Emails beenden kann und wie sie die Chefin erreicht, um zu melden, dass das Büro bereits leer ist…
Ich ordne meine Sachen, schicke eine Nachricht an die Chefetage, die erklärt, warum Niemand mehr im Büro ist und mache mich auf den Weg. Die Atmosphäre auf den Straßen habe ich an solchen Tagen bereits zuvor erlebt und jedes Mal ertappe ich mich wieder dabei, dass mir ganz schlagartig bewusst wird, dass ich in einem fremden Land bin. Menschenschlangen (ich scheue mich, das Wort „Massen“ zu verwenden) strömen Richtung Churchgate Station, von wo die Western Railway gen Norden aufbricht, meine Bahnlinie. Natürlich regnet es in Strömen.
Ich überlege mir, welche Optionen ich habe, da mir das Bild, was sich am Bahnsteig wohl zeigen wird, mehr als bekannt ist und nur mit den Wort „Panik“ und „der Stärkere gewinnt“ umschrieben werden kann…ja, die Mumbaikars sind auch sehr hilfsbereit in solchen Situationen, aber naja…eben manchmal.
Mein Glück ist, dass meine Mitbewohnerin inzwischen ebenfalls in Colaba/Fort arbeitet und bereits ein Taxi geordert hat und mich nun anruft, um zu fragen, wo ich bin und ob ich reinspringen will! 🙂 Ja, will ich!
Wir brauchen NUR zwei Stunden nach Hause! Stop…Go…Stop..Go…yeah!

Und zu Hause wartet bereits das nächste Wunder auf mich, denn ausgerechnet HEUTE haben wir Stromschwankungen, was im Klartext heisst: An….Aus….An…..Aus. Also werden alle Geräte und Ventilatoren ausgeschaltet und wir sitzen im Halbdunkeln und spielen Uno!
Es ist also war, die ganze Technik hat uns einander endfremdet (ich wollte an dem Abend eigentlich mein Hörspiel zu Ende hören und ein bisschen für mich Lesen allein im Zimmer) und erst eine solche Notsituation erzeugt wieder gemeinsame Momente!
Es wird ein toller Abend mit drei großen Bier, jeder Menge Musikrevivals (oh, den kennst du auch!?) und Gesprächen über….nunja, das bleibt privat…hüstel….der erst um halb zwei Uhr früh endet.

fazit:

hier für den runden Gesamteindruck die Schlagzeile aus der zeituung von heute…

lg anya!


heim/weg

müde und erschöpft mache ich mich gestern auf den heimweg. ein anstrengender arbeitstag geht zu ende, inklusive besuch beim frro. es regnet schon wieder, ich bin hungrig und müde und hoffe einfach nur, dass ich heute auf dem heimweg nicht wieder angequatscht werde. den tag zuvor lief wieder so ein abgebrochener mann eine weile einen halben schritt hinter mir (man muss sich dann auch vorstellen, dass ich natürlich nicht allein die straße entlang laufe, aber man merkt schon recht schnell, wann jemand versucht, sich deinem schritttempo anzupassen…) und frug dann nach einer weile mit schlechtem akzent: you liking it here?
ich erreiche churchgate und gottseidank einen zug nach andheri (der ist nicht so voll wie der nach borivli) um sieben, setze mich, stöpsle musik ein und versuche abzuspannen. Es sind insgesamt 11 stationen, für die der zug eine halbe stunde braucht. Perfekt für ein nickerchen. Vier stationen vor Bandra ruft meine mitbewohnerin an, die dies manchmal tut, um mich zu bitten, auf dem weg noch ein paar veggies oder käse mitzubringen. (ich hab aufgehört zu fragen, warum sie das nicht selbst macht. zu diesem zeitpunkt des tages bin ich einfach zu müde für widerspruch) dieses mal fragt sie etwas hektisch, ob ich ok wäre. ich horche auf: ja, warum? Es gab 2 explosionen, in Charni Road (5 stationen hinter mir) und Dadar (1 station vor mir).  …
Sie sagt, ich solle schnell nach hause kommen und aufpassen. Als ich auflege, sehe ich, dass eigentlich alle frauen um mich herum am telefonieren sind. innerhalb weniger minuten wissen alle bescheid. wir sind in der erste klasse: blackberrys und flatrates überall. es entsteht eine sehr seltsame athmosphäre, die ich so noch nie erlebt habe. man sitzt in diesem cocoon zusammen, weiß nicht so richtig, was da draußen los ist und jeder versucht, seinen heimweg abzustecken, freunde und familie zu erreichen und im grunde, herauszubekommen, was eigentlich passiert ist. mumbaikars haben schon einiges durch und lassen sich so einfach nicht erschrecken. eine kollegin bemerkte heute beim mittag mit einer sehr abgeklärten miene: wir sind schon an alles gewöhnt. das ist schrecklich! die stimmung im zug ist also angespannt, aber nicht hektisch.
erst als ich aussteige, merke ich wieder was von der hektik. aber ist sie anders als sonst zur rushhour? lässt sich kaum sagen. ich versuche, mich durchzudrängen durch die massen und bekomme zum ersten mal eine kleine gänsehaut, als sie am bahnsteig die übliche durchsage laufen lassen. die höre ich täglich, aber heute… „bitte lassen sie kein gepäck unbeobachtet stehen. falls ihnen ein objekt auffällt, kontaktieren sie die polizei. fassen sie es nicht an, es könnnte explosiv sein. …active cooperation is expected from you!“
ich informiere auf den letzten metern nach hause schnell meine schwester, weiß ich doch, wie schnell sich durch das internet solche informationen verbreiten und wie gruselig und fremd solcherlei ereignisse auf außenstehende wirken.
dann sitze ich zu hause un versuche für einige minuten den news irgendetwas informatives zu entlocken. ich möchte doch wissen, was passiert ist und worauf ich mich einstellen muss. aber leider wird (wieder einmal) nur panik gemacht mit ein und denselben bildern und schreienden „reportern“…irgendwann muss ich einfach ausschalten. das hält ja kein mensch aus!!
irgendwie bin ich ganz ruhig und schlafe auch gut. muss ich mir sorgen machen? um mich selbst oder die situation in der stadt, in der ich lebe?
aber um mich herum ist alles wie immer. in einer riesigen stadt wie mumbai muss man zwangsläufig nicht unbedingt mitbekommen, was alles passiert. ich sorge mich vielmehr um den ganzen regen, der dieser tage fällt. tatsächlich schwimme ich am nächsten morgen auch halb zur arbeit. dieser verdammte regen! jaaa, ich weiß, der ist wichtig und auch schön irgendwie, aber kann das nicht regnen, wenn ich IM BÜRO SITZE!!
der zug ist sehr leer, die straßen auch. wegen den attentaten oder wegen dem regen? teile der central line (die bahnlinie im osten der stadt) sind wohl gesperrt wegen überflutung.
ich denke nicht so viel darüber nach und mache meine arbeit wie immer.
und höre nebenbei musik aus dem tollen projekt von zwei freunden „audible approaches for a better place“. hoffen wir das beste und machen musik dafür. das finde ich gut. in kleinen schritten voran.
PEACE AND LOVE!
anja


der all-mont-ägliche wahnsinn (update s.u.)

der tag hat schon unschön begonnen. ich stehe auf: quäl, ächz, schwitz…und werde angefaucht! ich darf das frei übersetzen mit: beweg deinen arsch du lahme kuh! nnwah?  genau das richtige, um die woche ganz entspannt angehen zu lassen! nennen wir die vierpfotige un-person einfach s.! das ist nicht nur unfreundlich, dass ist unter aller sau! ich prangere das an!!
nichtsahnend nimmt der morgen seinen lauf: dusche, kaffee, packen und los geht die schwitzemühle!
ich schwinge mich in die nächste rikshaw, in den nächsten zug und schwups 1h30min bin ich schon im büro. bei ankunft fragt mich unser allwissender rezeptionist robert (kein mist, er weiss wirklich alles!), ob ich probleme beim „reisen“ gehabt hätte…? nö, eigentlich alles gedrängele wie immer… naja, ein bisschen viel polizei am bahnhof churchgate, aber sonst…? ist da heute was?
ja, da ist was.
robert weiss natürlich bescheid. ich glaub, alle wissen bescheid.
AUSSER mir natürlich. klar!
heute ist die urteilsverkundung einer der beiden terroristen, die bei den mumbai attentaten am 26.11.2008 (falls sich jemand nicht erinnert, hier nur schnell nach einem spiegel artikel gegoogelt, keine ahnung, ob der gut ist) gefasst wurde. warum die polizei? natürlich ist mit allerhand gewalt zumindest zu rechnen (ist ja noch nicht genug blut geflossen) und wer weiss, vielleicht beschließen ein paar echte feinde des islam ins nächste muslimische viertel der stadt zu rennen und sich nochmal auszutoben. hier alles denkbar.

wer vermutet, dass wäre die nachricht des tages, der irrt!
diese stadt hat noch mehr zu bieten! jawoll!

gegen mittag entfacht eine diskussion um den local train. mehr kann ich erstmal nicht verstehen, die kollegen reden marathi. ich hake nach: was ist los? und wieder:
ich muss mir die frage gefallen lassen, ob ich denn keine zeitung lese…!!? klar lese ich täglich zeitung-deutsche! 😛 (ich muss dazu ehrlich gestehen, dass ich mich mit indischen zeitungen sehr schwer tue, warum habe ich noch nicht heraus gefunden)
es stellt sich heraus, dass die hiesigen local train fahrer heute in den hungerstreik getreten sind. ich bin verunsichert: dürfen die nicht einfach aufhören zu arbeiten? anscheinend nicht, denn sie wählen eine indirekte und doch schon von gandhi praktizierte form des protestes: hungerstreik.
allerdings nicht, ohne anzukündigen, dass, wenn sie nicht mehr in der lage wären, den zug zu steuern, sie beim nächsten bahnhof anhalten und aufhören würden…
man muss diese wahrscheinlichkeit nun mit den zahlen kombinieren, die nela hier so schön in ihrem zugfahrbeitrag aufgelistet hat. ca 7Millionen menschen täglich! TÄGLICH!!

verschiedene möglichkeiten werden mir ans herz gelegt und hinterlassen bei mir nur einen verwirrten eindruck….gleich versuchen, nach hause zu fahren? einen bus nehmen? ein taxi? oder ganz normal losgehen?

letztlich mache ich das, was robert mir rät: madaam, we come by train, we’ll leave by train! 😉 so ist das leben! ruhig bleiben.

und dann läuft eigentlich alles wie immer: es ist ist voll und alle schwitzen und drängeln. ein paar zicken streiten sich (YOU mind your bloody language!). wir kommen durch, ganz normal!
aber die angst sitzt mir im nacken und das trotz schweiß. was wenn…?
denn selbst wenn heute alles gut geht, weiss ja niemand, wie lange der streik anhält, ne? hilft alles nüscht-müssen wir durch!
und die armen zugfahrer hoffentlich nicht so lange…

mir dämmert mit jeder woche in diesem land etwas mehr, warum die indische filmindustrie, in diesen kreisen „bollywood“ genannt, soviel hiervon produziert…
njoy and forget! (govinda tanzen zu sehen ist doch auch immer wieder eine freude!)

anya

UPDATE (and it could get worse!)

heute morgen unsanft geweckt werden von einem mitbewohner, der gegen meine tür springt! um sechs uhr!
als ich um sieben aufstehe: anfauchen. dann folgendes bild:

was stimmt nicht…?
ich lasse das mal so stehen/liegen…

als ich den bahnsteig erreiche, schwant mir übles…menschenmassen! das ist nichts neues. nur dieses mal sind sie vor den zügen, nicht darin!
lange rede, kurzer sinn: kein einziger zug fuhr!
ich warte also 45 min… um dann, mit pflichtbewusst deutschem schlechten gewissen, den heimweg anzutreten. von zu hause zu arbeiten.
die optionen waren: a) weiter warten
b) ein bus/rikshaw  nehmen (den verkehrsstau auf dem highway vermag ich nicht zu beschreiben, ich rechne damit, dass man für die strecke ca 4stunden bräuchte-für eine fahrt…von zurück nicht zu sprechen)
c) nach hause gehen

ich schüttle den kopf

der terrorist hat übrigends die höchststrafe erhalten (hier die sueddeutsche dazu) und auch ich bin in mordsstimmung!


kkr 1-2010

ehe die kleinigkeiten verloren gehen, die keinen gesamten eintrag hergeben, hier eine sammlung

1.ampelkoalition

auf meinem mini-ausflug nach ahmedabad (der genauso lange dauert, dass man gemütlich eine folge „2 and a half men“ gucken kann), von dem es nicht viel zu erzählen gibt, denn ich war beruflich da, ergab sich auf dem hinflug folgende situation.
ordentlich, diszipliniert und unglaublich zuverlässlich wie wir deutschen sind, bin ich natürlich zeitig beim check-in und darf noch wählen: „fenster oder gang, madaam?“. fenster natürlich!
ich sitze und warte also auf abflug (und damit auch darauf, dass in dieser verschwitzten kiste ENDLICH die klimaanlage angeht!!) als meine mitsitzenden eintreffen. ich erblicke also einen älteren sehr dicken mann in ein rotes tuch gewickelt „aha, guru“ und seinen assi gleich daneben. dieser quetscht sich also in den mittelsitz und der guru nimmt am gang platz. obwohl von „platz nehmen“ eigentlich nicht die rede sein kann, denn er ist WIRKLICH dick. so dick, dass der steward mit einer extention für den sitzgurt angerannt kommt. hab ich auch noch nie gesehen: eine verlängerung für den sitzgurt…
er scheint doch etwas besonderes zu sein, denn ihm wird von seiten des boardpersonals auch besondere aufmerksamkeit zu teil…vermute ich. zumindest bekommt er leckeres obst, während ich schlechtes flugzeug essen bekomme (halbwarmes dal und ekelig süßen kuchen).
als wir drei also so vor uns hinfliegen schaue an mir herunter. ich trage eine grüne kurta. der assi neben mir trägt das typisch indische gelb/orange, der guru: tiefes rot!
KLASSE!! wir sind ne ampel! 😀 das bezieht mich ja auch irgendwie mit ein.  ich freue mich über diese entdeckung! kann sie aber leider nicht teilen…naja, jetzt hier halt…
als ich dann aussteige, kommen mir mehrere männer entgegen, die begrüßungsgirlanden bei sich tragen. „aha, guru“ denke ich wieder. auf ihren gesichter spiegelt sich vorfreude wieder…
und ich? ich hab trotzdem keine ahnung, wer das war.
zwei tage später fahre ich in der rikshaw in ahmedabad irgendwo hin und halte an einer ampel. blick fällt nach links (nur nicht zu interessiert gucken, sonst fühlt sich hier noch jemand angesprochen) und da sehe ich doch tatsächlich einen riesen aufsteller mit meinem dicken guru! er „tagt“ wohl hier in der stadt für eine woche und lehrt fleißig. schön, denke ich. müsste man eigentlich mal hin.
kann ich aber nicht, fliege schon morgen.
bye bye guruji!

2. station

nix für anfänger! local train fahren.
wäre die inetverbindung zu hause schneller, würde ich jetzt mal meine alten beiträge verlinken…mach ich vielleicht später.
jedenfalls fiel mir doch neulich auf, wie sehr ich schon denm täglichen trott einverleibt wurde…kaum noch aufregung. eigentlich schlafe ich immer sofort ein, sobald ich da einen sitzplatz bekomme… irgendwie muss man seine energiereserven ja auffüllen in diesem hektischen metropolen-dasein! 😉
ich gucke auch kaum noch aus dem fenster auf der suche nach der station (wo sind wir gerade?). ich steige ja eh meistens erste ein und letzte aus…
und: ich bin inzwischen in der lage, eine stationen an ihren untrüglichen zeichen zu erkennen:
bandra zum beispiel am gestank der flussüberreste, die man überqueren muss.
andheri an den menschenmengen, die sich da raus und reinquetschen (zusätzlich!)
meistens abends bleibt der zug immer wartend stehn kurz vor jogeshwari, was allerdings kann eindeutig an durchrennenden muslimen zu erkennen ist. kurze erklärung: an der station kann man ausnahmsweise von beiden seiten einsteigen. deshalb nutzen das viel gern zum platform-wechsel. männer UND frauen. und kinder. und verkäufer….
allerdings sind ja nur ein paar sekunden zeit, also hört man meist ein „zzzt“ (übliches geräusch zur warnung a la „achtung“) und husch….da rennen sie durch. und es sind IMMER muslime mit käppchen und so. vielleicht liegts an der uhrzeit, wenn ich abends heim fahre? vielleicht kommen sie gerade vom abendgebet? keine ahnung…

3. die lauteste mall auf der welt

gestern war ich mal wieder in einer neuen einkaufsmall (das hört ja auch nie auf, schließlich bin ich eine frau!)
aber da wars soooooo laut!! das kann man sich nicht vorstellen.  denn schließlich ist mumbai ja IMMER laut.
aber in dieser frisch gekühlten mall dudelte überall unglaublich laut schlechte musik. in den gängen und in jedem einzelnen gottverdammten geschäft. die verkäufer mussten die kunden förmlich anschrein: VIELLEICHT WOLLEN SIE DEN SCHUH NOCH IN BLAU ANPROBIEREN MADAAAAAM???!!
aber niemand stellte das in frage? warum auch? ist eben so. argh…
in einem größeren geschäft (a la karstadt mit verschiedenen abteilungen) wurde ich erst ganz böse von kosmetikverkäuferinnen überfallen (ich war SEHR wütend hinterher, denn die schienen nicht verstehen zu können, dass man seinen nagekllack gern selbst aussucht und eben nicht in den hintern geschoben bekommen möchte!!!! ) und dann fand in einer der drei etagen so ein tumper kinderwettbewerb statt mit einer schlecht quietschenden moderatorin und wir ALLE in ALLEN drei etagen durften ihrem geschrei zu hören: KIDS; DON’T FORGET: WE ARE ALL HERE TO HAVE FUN; OKAY??!!
ich konnte nur noch laut antworten: nooooooo!! was ich wirklich getan habe, um meinem unmut luft zu machen. irgendwer muss ja schließlich mal auf das „problem“ aufmerksam machen!!! die verkäufer lächelten zwar über mich, aber ich konnte sehen, dass sie sofort verstanden, was ich meinte. ich war also nicht die einzige, die überhaupt NULL interesse an dieser art oralen belästigung hatte.
there is still hope.
i hope…

winke

anya


bo-c f 12

ich erreiche den bahnsteig 8:45. bin früh dran, hatte einen guten rikshaw-fahrer. einen von den „weiss“ gekleideten, die ihr gefährt auch besitzen und es nicht nur gemietet haben. jene, die mich auf meinem heimweg gegen 21:00 immer ignorieren an der station, wenn ich schon 10minuten inmitten von üblem smog und ohrenbetäubendem lärm stehe und einfach nur nach hause will! „i.c.colony…?“ reaktion: ignorieren oder abwehrendes kopfschütteln.
ich propbiere also heute mal einen neuen zug aus (fahre sonst eher von gleis7), wohl wissend, dass es voll werden wird, seehr voll!
ich beobachte also noch den vorherigen zug beim abfahren…gleich danach sammeln sich die ersten frauen vorn an der bahnsteigkante. normalerweise gehöre ich nicht zu den first-row-tanten. aber heute beschließe ich, mich gleich dahinter zustellen (also mehr 3.reihe) und in den verstreichenden 5 minuten bis zum eintreffen des zuges werden sich hinter mir noch 2 weitere reihen bilden…der bahnsteig ist nun wieder voll.
ich hoffe, ich stehe richtig, denn korrekturen werden jetzt unmöglich und gleizeitig ist es immer etwas schwierig auszumachen, wo genau der zug mit den zwei einstiegsmöglichkeiten für die erste klasse/damen halten wird.
der zug rollt langsam ein.
im vorbeifahren sehe ich, dass er bereits halbvoll ist… naa toll! wieder sind ein, zwei stationen zuvor schon ein paar clevere damen auf die idee gekommen, sich einen sitzplatz zu sichern. (der zug „endet“ und „startet“ eigentlich borivali) als das damenabteil in sichtweite kommt, beginnt sich die menge an eben noch lose zusammenstehenden frauen zu verändern. sie drängen sich dicht zusammen und die eigendynamik dieser gruppe ist unbestreitbar leicht aggressiv. in jeder dieser gruppen, von vielleicht 20-30 frauen gibt es immer 1-2 extrem zickige tanten, die nun anfangen aggressiv zu schupsen und zu keifen. der zug ist noch nicht zum stilstand gekommen, erste frauen springen bereits auf.
und das ist der grund, warum ich nicht in der ersten reihe stehe, denn wenn man nicht aufspringt, wird man gegen den zug geschupst… mehr als einmal konnte ich beobachten, wie vorn jemand stürzte. gottseidank gibt es auch immer wieder hilfsbereite mitleidende…sorry..reisende, die diesen frauen aufhelfen.
dann beginnt der teil, an dem man eigentlich nur die tür im blick behalten muss und mehr oder weniger der maße folgen, sich folgen, lassen muss. nur nicht abdriften. ruhig bleiben. ellenbogen im magen ignorieren. vorwärts. vorwärst. und schwups hinein. puh, erste hürde genommen.
da ich bis zur endhaltestelle fahre, versuche ich also möglichst weit ins innere des waggons vorzudringen. ich würde auch lieber an der tür stehen, den wind im gesicht und ein paar absurde bilder vor den augen während die landschaft an mir vorüberzieht, aber das käme einem harakiri (wie auch immer man das schreibt) gleich. neinein, das wollen wir heute nicht, einfach nur zur arbeit reicht schon. 😉
also zwischen die sitzbänke drängeln, tasche oben ablegen, versuchen, die füße irgendwo hinzustellen, eine halbwegs bequeme stehposition zu finden. und schiiiiieeeben. ich hab glück, um mich herum sind alle frauen ruhig und versuchen einfach nur, dass hinter sich zu bringen, wie ich.
„sandwich“-position wird es genannt, wenn man von zwei seiten eingeklemmt wird, richtig? wie heisst das das eingeklemmtsein von vier seiten? so verbringe ich die ersten vier stationen…kandivali, malad, goregaon, andheri…ca 20minuten. danach beginnt erneutes gedränge, die masse schiebt sich um. frauen steigen aus (5-10) und weiter ein (7-10). eine ältere dame (kategorie cholerikerin) ruft immer wieder von hinten was…sie will durch! nur wie? und vor allem: wohin? ich schalte ab, stöbsle musik ein und schlafe ein bisschen im stehen. wenn man die wachsenden rückenschmerzen und die eingeschlafenen füße ignorieren kann, gehts ganz gut.
die nächsten stationen heisst es, nach möglicherweise freiwerdenden sitzplätzen ausschau halten. bandra, dadar, mumbai central steigen viele aus. aber man will ja auch recht bald mal sitzen…es verstreichen also weiter 20 minuten bis ich endlich sitze. war wieder nicht aggressiv genug, aber eine liebe mitleidende hat mir ihren platz angeboten, als es langsam leerer wird. danke schön! hinsetzen, uff…nochmal 15 minuten dösen…dann churchgate!

aussteigen.

ist es absurd, wenn ich dem ganzen auch was abgewinnen kann?
vielleicht noch abgewinnen kann?

lg anya