what a life we’re living

auf der bandra station tummeln sich verschiedenste bettler. morgens andere als abends. meistens muslime, ein muslimischer slum ist gleich angedockt und expandiert gerade wieder.

am anfang kam es mir vor wie ein sammelsorium an grausamkeiten, wie ein gruselkabinett. die verstümmelungen und das ausmaß an elend, was sich dort versammelt, ist für das europäische auge ein schock. man guckt lieber weg. kann es trotzdem nicht und muss doch irgendwie da durch. jeden morgen.

stück für stück habe ich mich daran „gewöhnt“, kenne die einzelnen alten blinden männer inzwischen gut und ihr stetig brummendes „allaaah“. sehe immernoch bewusst bei den frauen weg, die kleine schmutzige babys in den armen halten und bin immer wieder erstaunt, in welchem ausmaß der menschliche körper deformiert werden kann.

einzelne „fälle“ wie folgender verarbeitet man aber wohl nie:

ziemlich zentral inmitten der stetig rauschenden menschenmenge liegt gelegentlich ein kind, ein mädchen. als ich sie das erste mal bemerkte, hatte ich für die stunde danach einen kloß im hals, denn dieses mädchen besteht eigentlich fast nur aus einem rumpf, der die größe einer 4jährigen hat, geschätzt.
mein erster gedanke war: contergan! denn die arme und beine sind im ansatz schon vorhanden.
seltsam babylike  wackelte sie mit dem unterleib hin und her, der in eine art windel gewickelt war.
keine mutter weit und breit.

viele male traute ich mich nicht richtig hinzusehen, erhaschte im vorübergehen einen kurzen blick auf das mädchen.

immer lag sie dort allein

immer wackelte sie mit ihrem unterleib

manchmal hatte sie eine babykappe auf, aber nach und nach konnte ich erahnen, dass sie durchaus kein baby mehr ist.

um so öfter ich einen kurzen blick in das gesicht des mädchens warf, wurde mir stück für stück bewusst, dass es kein mädchen ist….
sicher auch noch keine frau, aber wohl deutlich älter als 3 oder 4 jahre.

nun fingen die gedanken an zu wandern.

jemand muss sie dort regelmäßig ablegen, allein schaffst sie das wohl kaum. ist dieser jemanden auch verantwortlich für ihr erscheinungsbild als kleinkind? sicher, ein baby erregt mehr mitleid.
was für ein leben lebt sie und ist ihr bewusst, wie sie dort präsentiert wird? ist es ihr egal? ist das eben die art, wie sie ihr geld verdient oder doch wesentlich mehr?

ich sehe sie jetzt nicht mehr als eine der vielen armen kreaturen in dieser stadt, sie ist…ja, ein mensch, eine person geworden. ich nehme an ihrem leben keinen anteil, aber sie hat ein gesicht.

was für ein seltsames leben wir leben.

Advertisements

eine milde gabe

seit meinem ersten besuch in mumbai 2007/08 blieb die frage unbeantwortet: gebe ich oder gebe ich nicht?
Jeder westler wird mit diesem schlechten gewissen konfrontiert und einige scheitern schon nach wenigen tagen daran. Denn eines steht fest: wer elend nicht ertragen kann, sollte fern bleiben. Ich meine damit nicht nur schmutz und laerm, sondern vielmehr verkrüppelte, hungernde, alleingelassene alte, vielleicht schon tote, leidende und alles, was sonst unter dem stichwort elend zu finden ist.

Ebenso sehr wie man als zukünftiger reisender also versucht, sich auf das nahende elend vorzubereiten, wird man zuvor eingehendst gewarnt und zusehends schockiert von dem, was marktwirtschaft, kapitalismus oder welcher der passendenden geld-begriffe auch immer, aus diesem elend gemacht haben. Stichwort hier: organisiertes betteln. (das dürfte nach dem oscarkracher „slumdog millionaire“ auch dem weniger indienbelesenen publikum etwas sagen)
jedesmal also, wenn ein einarmiger an der ampel seinen stumpf gegen die scheibe drückte oder eine alte frau versuchte, meinen fuß zu berühren (eine große geste der demut) oder eine 14jährige mit schreiendem baby eine „essen“-gebärde machte…war sie da, die frage: geb ich was oder nicht?
gefolgt von: nützt ihm/ihr das was? Nützt mir das was? Ist das echtes elend oder nur echtes geschäftstalent? Und kann ich das an mich ranlassen?
wie auch immer, mein gewissen war aktiv. Mein geldbeutel nicht. Ich entschloss mich, niemandem etwas zu geben, außer, ich müsste es wirklich.

Letztens kam dann die reifeprüfung: am maharashtrian neujahr fuhr ich mit der rikshaw von borivali nach andheri, eine fahrt von einer guten halben stunde. Mehrere ampeln waren zu bewältigen. Und von oben muss es ausgesehen haben, wie in einem schlechten gruselfilm, wenn sich, sobald die autos, mopeds und rikshaws an der ampel hielten, von allen seiten die bettler angekrochen kamen…
ich hab wieder einmal „zu gemacht“, was schwierig ist, wenn man den alten mann ohne beine auf dem minirollbrett heranquietschen hört…madaaaam!
und das gewissen rotiert!
ich finde mich dann wirklich sehr fies und eben auch nicht konsequent genug, in einer der hiesigen ngo zu helfen…verzwickt.

22.03.2010:
ich komme gerade aus dem supermarkt am churchgate. Nach arbeit ermüdet, schonwieder schwitzend, ein bisschen hungrig und wie immer auch ein bisschen genervt. Überquere die straße. Eine ältere frau spricht mich an: madaam, can I speak to you?
da sie sauber gekleidet ist und nicht wie eine bettlerin aussieht, bleibe ich stehn, weil ich annehme, sie hat sich vielleicht verlaufen und findet den weg nicht oder so…
sie ist in den 70ern (könnte aber auch älter sein), trägt einfache westliche kleidung (wie man es bei den älteren christlichen damen sieht, diese veralteten kostümchen mit den dreiviertel röcken). Sie trägt ihre handtasche um den hals und ihre haare sind ein bisschen schlecht gefärbt, so dass das grauweiss deutlich heraus schimmert. Ein bisschen ungepflegt, aber nicht schmutzig. Sie hat kaum noch zähne und ihre augen haben diesen seltsamen schleier, dem man oder ich so gruselig finde, weil er irgendwie den tod ankündet…

sie fängt also an, mir eine geschichte zu erzählen der ich nur halb folge, zum einen, weil ihr englisch (wenn auch flüssig) nicht sehr gut verständlich ist und zum anderen, weil mir klar wird, dass ich nun in der falle sitze. Während ihre geschichte immer länger wird, sehe ich in ihre augen und denke….was tun? Ich merke, dass sie mir sympathisch ist.
die geschichte hat irgendwas mit medizinischer versorgung und dem nötigen kleingeld zu tun. Zum beweis, dass sie nicht mal was zu trinken hat, zeigt sie mir ihre leere flasche.
ich überlege, wieviel in meiner trinkflasche übrig ist.
ich frage, ob sie keine familie habe, die für sie sorgt… no family, husband died.
keine kinder? – no, children.
die rede wurde immer länger, immer länger…und ich wollte eigentlich nur nach hause. Also unterbreche ich sie mit: so, how can i help you?
was eigentlich eine doofe frage war, denn natürlich wollte sie geld.
aber fast schien sie zu scheu zu sein, um das auszusprechen. Sie redete noch eine weile um zahlen herum…eine freundin hätte ihr schon hundert rupien gegeben (mein kopf sprach: niemals, geb ich ihr 100!!) und jetzt würden ihr nur noch 50 rupien fehlen PUNKT.
ein kurzer moment stille.
ich sage: sie wollen fünfzig?
sie: haan (ja)
ich: das ist viel.
sie: unverständlicher redeschwall.
ich: i give you 20, ok?

Seltsamerweise habe ich genau den gleichen ton, wenn ich um etwas handeln will beim einkauf.

Ich gebe ihr 20, sie sieht nicht wirklich zufrieden aus. Die enttäuschung auf ihrem gesicht wirkt echt. Bevor meine sympathie sich in mitleid wandeln wird, wünsch ich ihr „best of luck“ und springe in den zug.

Dort sitze ich also, wie schon seit acht wochen.
zwischen den damen, mampfe bananenchips, lausche musik…sehe eine frau ohrringe verkaufen, zwei weitere neben mir fangen ein gespräch an, dass so laut wird, dass ich die laustärke auf den kopfhörern erhöhen muss.
ich schaue aus dem fenster und die bananenchips schmecken irgendwie nicht mehr…ich denke, 20 rupien…gute 30cent…

a.