a very german party!

da ist was dran, an dem schiften der eigenen persönlichkeit im exil. so hörte ich von einem türkischen freund, dass die in deutschland ansässigen türkischen familien in der ausübung ihrer „kultur“ (ich setze das in anführungszeichen, weil mir die verallgemeinerung durchasu bewusst ist) gelegentlich päpstlicher als der papst seien (und dem ganzen auch noch diese note zu geben).
ich für meinen teil hab mir vo dem verlassen meines heimatlandes ins indische exil darüber nie allzu viele gedanken gemacht und mich auf jeden fall auch nicht als besonders eng mit meinem ursprungsland verbunden gefühlt. die gründe dafür sind vielschichtig und wurden alle mit einem staubig feuchten „wusch“ weggefegt an dem tag an dem ich nach mumbai kam.
das ist gut, ich wollte das ja so. aber inzwischen ertappe ich mich selbst gelegentlich in situationen, in denen mein altes ich auf das neue blickt und erschrocken und peinlich berührt zurückschreckt. wie zum beispiel letztes jahr, als ich einen jungen bettler im zug wie eine fliege verscheuchte. oder april 2008 als ich die erste maid in meinem leben anschrie. jaja, die kleinen überraschungen.

man verändert sich manchmal zum guten, manchmal zum schlechten. das lässt sich immer erst später herausfinden. just wait and watch, heisst es in diesem sinne.

gelegentlich gelingt es einem schon den schritt zurück zu machen, während man noch in der shifting situation ist. und ich glaube, so gings mir gestern.
denn gestern war ich auf meinem ersten oktober fest. überhaupt. nein, ich bin dafür nicht nach münchen gereist (obwohl ich mich wage erinnere, einer echten münchnerin nach der zweiten maß versprochen zu haben, dass wir das 2013 nachholen. ). seit dem letzten jahr wird selbige urdeutsche festlichkeit auch hier vor ort von der deutsch-indischen handelskammer betrieben. eine teure angelegenheit über deren motive ich mich hier wohl besser nicht auslasse. gerade auch, weil ich ein freiticket hatte. 😉
ich werde also gelockt mit freibier und würstchen. das hat leider schon öfter geklappt.

wie soll ich das geschehen nun beschreiben? ich hatte schlimmstes erwartet und dazu kam es …nicht. die inder haben sich de facto auch betrunken (darum gehts doch, oder?) aber ehrlich: die deutschen haben sich schlimmer benommen. wahrscheinlich unter den druck des sich ständig repräsentativ gut benehmens und unter dem einfluss einheimischer musik, getränke und dirndls/lederhosen ließen sie sich mal so richtig gehen. man verzeiht es ihnen.
ich fand mich also relativ schnell in einer sehr deutschen bierzeltatmosphäre wieder. schlachtrufe wurden gemeinsam gegrölt (zickezacke), die inder lernten shoonkln und derbe sprüche und die musiker könnten dem leben heinz strunks entsprungen sein. set-list gleicht einem abend auf malle: erst volkstümlich (heidi, maja) später tanzbar (i will survive, let me entertain you). hauptsache mitsingbar. und tanz bzw schunkelbar. auf den tischen, auf den bänken. überall reckten sich bierkrüge in die höhe.
dazwischen, etwas irritiert, wie erschreckte hunde an silvester: die kellner. typische sehr junge und dünne männer, die erst ganz stolz ihrer arbeit nachgingen, dann später aber einen blick hatten, der eher befremdliche angst (und daran geknüpfte vorsicht) erahnen ließ.
ich war nie der mitmachtyp und tanze nur, wenn ich auch mag. nicht weil andere andere es tun. ich stand also eben mehr an der seite, was so oft schon eine gute idee war und innerlich zog mein indien-dasein an mir vorbei. nicht zum ersten mal schoß mir durch den kopf: absurd. einfach absurd.

auf dem gipfel des tanzwütigen abends spielte die kapelle dann dieses lied. es wurde ganz pseudo-griechisch zum traditionellen tanz angehüpft und ich dachte zu allererst an die finanzprobleme im land…und dann, dann hats mich eiskalt erwischt. das heimweh. noch nie habe ich mich einem text von udo so nahe gefühlt wie in diesem moment. um mich herum jubelte und klatschte alles und ich konnte mir nur mit not eine kleine träne verkneifen. mein gott, war das schön.

oktoberfest in mumbai. anders als gedacht. ganz schrecklich und auch ein bisschen schön. aber nur wegen dem bier!?

und ja, ich hab jetzt eine rieisgen und vor allem schweren bierkrug zu hause und keine ahnung, wie ich den nach dtl kriegen soll und ob ich den überhaupt will.

😉 anya

 

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wochenendblues

Internet, mein heimtückischer Geliebter. Erst Gemeinschaft und Verbundenheit heucheln (immer und wirklich von überall!) und dann, wenn du wirklich gebraucht wirst: entschwinden.
Das erste Wochenende in der Ferne war schon immer das schlimmste. All das bricht weg, was ich mir mühsam in den letzten 6 Monaten wieder und lieb gewonnen habe. Das Wochenendenetz fängt mich nicht auf. Ich kann nicht spazieren gehen. Es regnet stark, ist schwül und ja, es ist Mumbai (keine Bürgersteige, Parks um die Ecke oder kleine Cafés zum ausruhn). Ich kann keine Freunde anrufen, um mich auf den neuesten Stand bringen zu lassen und TV nervt. Ich sehne mich nach einem kurzen Plausch im Netz und ausgerechnet jetzt streikt die Internetverbindung! Facebook, Skype wo seid ihr? Ein kurzer Plausch im Chat würde mich schon entschädigen, aber nichts geht. Alle halbe Stunde versuche ich mein Glück erneut und scheitere. Suche verzweifelt nach Alternativen, doch ein neuer Rhythmus ist noch nicht gefunden. Ich hab die letzte Neon aus der Bibo ausgeliehen und stelle eigentlich nur fest, dass die mir noch nie so recht gefallen hat. Wahrscheinlich eine Altersfrage, auf jeden Fall bin ich in allen Artikeln anderer Meinung und blättere lustlos durch die Seiten. Mag auch eigentlich nicht wirklich lesen, will mich ablenken, leicht unterhalten werden und mich vielleicht auch etwas austauschen. Das reicht doch schon. Ein Wochenendbier mit Freunden scheint mehr als nur 6000km entfernt und ich hab schrecklichen Durst auf ein simples Bier. Auch egal ob Warsteiner, Radeberger oder Becks.
Gott, können Tage lang sein, wenn man noch keinen Platz in ihnen gefunden hat und die einzigen festen Termine „Duschen“ und „Frühstück, Mittag, Abendbrot“ heißen. Ich hab immer noch nicht richtig ausgepackt und scheue mich auch davor. Beim heutigen Versuch blieb ich an den Kleinigkeiten hängen und schluckte als ich die bunte Geburtstagskarte meiner Schwester in den Händen hielt. Die sollte einen besonderen Platz an der Wand bekommen, erinnert mich im Moment aber nur daran, dass sie nicht da ist. Deshalb packe ich sie zurück in den Schutzumschlag. Auch deshalb, weil die Wohnung schrecklich feucht ist und ich Angst habe, dass sie nach einer Woche labberig von der Schimmelwand glotzt und mich verhöhnt. Also klebe ich nur die Postkarte „Hirn will Arbeit“ mit Klebestreifen an die Wand. Hab sie bei einem Freund in Düsseldorf in der Wohnung entdeckt und eingesteckt. Wenigstens habe ich jetzt Wandklebefreiheit. Das Haus soll bald abgerissen werden und es schert sich niemand um die teure (hah!) Wandfarbe.
Erst freue ich mich, dass meine Mitbewohnerin mit ihrer Mama zu Besuch ist, fühle mich dann aber auch nur extrem eingeschränkt und in Verhaltenszwang. Bin fast froh, als ich dann allein in der Wohnung sitze. Nur ich und der Lärm von der Baustelle gegenüber, der mich daran erinnert, dass hier das Leben weiter geht. Ob es mir passt oder nicht. Ab und zu hüpft eine nasse Krähe auf das Gerüst vor dem Fenster und krächzt mich an: ey, Dude, was geht? Ich zucke die Schultern: nichts.
Aber ehrlich, ich hatte auch schon schlimmere erste Tage. Als ich 2007 das erste Mal nach Mumbai kam und zunächst im Hostel wohnte für drei Wochen, hab ich mich in den Schlaf geweint so manche Nacht. Ganz leise natürlich, hatte ich doch so lange dafür gekämpft jetzt dort zu sein, wo ich nun war. Wer hätte gedacht, dass man sich so einsam und wirklich allein fühlen konnte. Das war mir in dieser Dimension vollkommen neu. Gut, soo schlimm ist es diesmal nicht. Ich kann mich immerhin rüber zu Anand-Bazar quälen, um eine riesen Coke zu kaufen und entdecke die tolle Gurken-Bodymilk, die ich bei zwei weiteren Freunden aus Köln, die im Jahr zuvor in Mumbai waren, benutzt habe und dann überrascht feststellte, dass die aus Indien ist. Aber zum Tante-Emma-Laden-Shoppen habe ich irgendwie auch keine Lust. Dabei sind diese kleinen Läden, die hier immer mehr durch riesige Malls verdrängt werden wirklich eine wahre Fundgrube. Da findest du wirklich alles und kannst danach auch lange und nach Herzenslust suchen. Oder dir einen der Deliveryboys schnappen (muss ich erwähnen, dass man sich hier wirklich ALLES nach Hause liefern lassen kann? Anruf genügt!) und ihn delegieren. Nee, ich tapere mit der Coke und einer lieblos ausgewählten Packung Pasta wieder heimwärts. Ob ich‘s nochmal mit Internet versuche?

Boah, wann ist wieder Montag!?

anya

ps/nachtrag: wer aufgibt wird belohnt…oder so. um halb zehn noch ein wager versuch, der zum erfolg fuehrte…ich bin online!!!


same same, little different

hier also das neueste aus bombaycity:

same: erschreckend, wie ich nach zwei tagen bereits im halbschlaf (irgendwie hinke ich seit einer woche schon meinem schlafdefizit hinterher, zeitzonenwechsel erschwert das ganze) den weg zur arbeit finde. aufstehen, dusche, kaffee+toast (wo ist mein brot hin ), maid antreiben, über die straßen unter dem highway über den skywalk zur station, im zug noch ein nickerchen, dann 10min bis kala ghoda und pc anschalten.
reine routine?
schon irgendwie. aber in beruhigender weise. routine gibt einem ja auch stabilität, nicht wahr? ich folge ihr also erst einmal und halte mich ein bisschen daran fest.
alles scheint auf den ersten blick wie ich es verlassen habe. In guten wie in schlechten Punkten. Nehme beides gleichermaßen war. allerdings erst einmal emotionslos irgendwie. Connection lost. In search of a new one.

different: zu allererst. ich hab jetzt endlich AC in meinem raum! halleluja! hatte ja nicht gedacht, dass ich das brauche. aber wie das so mit luxusartikeln ist: in dem moment, wo man sie hat, kann man sich nicht mehr vorstellen JEMALS ohen sie ausgekommen zu sein. ac ist auch im monsun sehr nützlich, um die feuchtigkeit zumindest etwas besser in den griff zu bekommen. habe mich nebenbei wieder mit lenor trockentüchern ausgestattet. diese würde ich in dtl nicht mal in die nähe meines schlafzimmers lassen, wohl gemerkt. hier allerdings retten sie meinen kleiderschrank (und somit auch seinen inhalt) vor dem geruch eines verwesenden straßenhundes.
auch ansonsten hat mein zimmer ein upgrade bekommen: die gardinenstange ist repariert und ich kann dir tür komplett schließen!! jaa, das mag erst einmal etwas absurd klingen, aber ich hatte mich bereits damit abgefunden, all abendlich die tür in den durch den letzten monsun (oder so) komplett verzogenen türrahmen zu wuchten. hat am ersten abend ordentlich gerumst… 😉
danke an meine liebe mitbewohnerin neha an dieser stelle! 🙂
außerdem neu: der skywalk zur bandra station brannte ja ab vor ein paar monaten! jetzt ist ein teil schick und neu und die gesamte strecke sogar mit schildern ausgestattet! in englisch und hindi, unglaublich. nie wieder den falschen ausgang nehmen. vorausgesetzt man weiß, welche straße man lang gehen muss…
die hinweisquote scheint generell anzuziehen in der stadt oder besser: mehr verbieten ist besser.  im zug wird man nun also neben der anweisung, auf unbeobachtetes gepäck zu achten („it may be an explosive“ ernsthaft!), auch noch darauf hingewiesen, die ventilatoren auszuschalten, wenn sie nicht benötigt werden (sehr richtig) und an vielen taxis habe ich ein schild entdeckt, was (so glaube ich) das rauchen im auto unter strafe stellt. im prinzip auch richtig, allerdings glaube ich, dass die taxis einige schwer wiegendere probleme habe als ein brandloch im polster…aber das ist ein anderes thema.

ansonsten sieht also erst einmal alles bekannt aus und ich taste mich langsam voran im wieder eingewöhnen.

hier eine kleine doku zum abschluss, die ich gerade fand, als ich nach einem monsunvideo in mumbai suchte: romantisierend, natürlich. viel in englisch, aber nicht nur. so lasset die bilder dann auf euch herabregnen!
(an wen erinnert mich dieser total kitschige moderator nur…?)

anya


resüme2010

2010.
das bisher beste und zugleich schlimmste jahr in meinem leben wahrscheinlich.
ich bin in den vorangegangenen 3 jahrzehnten zusammengenommen nicht soviel beschimpft, belästigt, beleidigt, gedemütigt und verletzt worden.
aber auch nie so viel geliebt, vermisst, geschätzt und gebraucht.
wie wiegt man das eine nun gegen das andere auf? –  am besten wohl gar nicht.
let it be.
schnell gelebte zeit und vor allem intensiv gelebte. also gute, oder?
ich fühle mich (auch) voll. voll mit eindrücken, gefühlen, gedanken und ideen, die festzuhalten einer enzyklopädie oder gesamtausgabe der goethe werke gleichen würde.
so viel zeit hab ich nun wirklich nicht! 😉
und wer liest das schon…
2011 wartet schließlich darauf gelebt zu werden!

anya


winteralternativen

es ist also winter in mumbai. was bedeutet das?
das bedeutet, dass, wenn ich mein fenster früh öffne, tatsächlich kühle luft hineinströmt! 🙂 das bedeutet, dass ich (wenn ich will) schuhe mit strümpfen tragen kann, aber nicht muss (und ich will meistens nicht).

das geöffnete fenster trägt zum frühstück sogar einen schnulzigen hindisong zu mir herein, er knarzt und krächzt aus dem handy eines unbekannten, bis die bauerabeiter gegenüber wieder ordentlich loslegen und es nur noch lärmt…
ich verlasse das haus und freue mich über die sonne und die perfekten temperaturen (jeder hat doch seine perfekte temperatur, meine liegt zwischen 25 und 28 grad)! aach, mumbai winter-i like it!
fast scheint es, als würde ich heute KAUM angequatscht auf dem weg zur station und ich bilde mir ein, dass sich auch die überdosierten dreibeiner meines kiez (zwischen 15 und 45) daran gewöhnt hätten, dass hier eine weiße wohnt…
ich stoße an der übernächsten ecke an die hauptstraße, die ein stück direkt am highway entlang führt und an dem sich riesige werbetafeln türmen. (wer braucht eine fernsehzeitung, wenn es billboards gibt?) das riesige metallgestänge einer dieser tafeln muss heute früh wohl repariert werden und zwei gelangweilte arbeiter blockieren unten die straße mit zwei bambusstangen während oben zwei weitere irgendwas festschweißen. die funken sprühen, so dass ich kurz abgelenkt bin. auch fällt mir beim ersten hinsehen gar nicht auf, dass die da oben natürlich ganz ohne sicherung rumwerkeln…

als ich weiter laufe, den blick auf den boden geheftet, trifft der meinige immer wieder auf kleine braune knopfaugen, die traurig und desorientiert oder einfach lethargisch und nur selten fröhlich zurück blicken für eine sekunde. dringend muss ich noch diese hunde im viertel fotografieren , die inzwischen fast alle einen namen von mir bekommen haben.

dann schnell über die staubige riesenkreuzung (am schlimmsten ist immer das warten an der ampel zwischen den ganzen mir bist zu brust reichenden dreibeiner). ich bin inzwischen ganz gut und kenne den kürzesten weg, schräg drüber und auch wie man ihn geht ohne von bussen, riskhaw oder anderes verkehrsteilnehmer überfahren zu werden.

skywalk. puh.
da hat doch schon wieder einer/eine mitten auf den skywalk kekackt???!!! ich frage mich, ob das ein protest ist, ein spontaner anfall von kacknot oder die jeweiligen einfach zu doof sind, auf die unten liegenden grünen kackwiesen auszuweichen.
dort wird morgens nämlich ausführlich geschäft betrieben. das hält die wiese im übrigen schön grün!
man erkennt einheimische daran, dass sie den gestank nicht mehr wahrnehmen…
dann rechts, links, nochmal links…bin ich auf dem letzten abschnitt zum bahngleis. alle bettler auf dieser station sind mir mittlerweise bekannt und lösen keinen grusel mehr aus: weder die komische schmutzige alte mit den blindengläsern, noch der schmutzige blinde mit der tiefen rauhen stimme (alle drei sekunden: aaaallah!), noch der junge ebenfalls schmutzige mann ohne arme und mit zu kurzen beinen…alle muslime. die morgensschicht. am abend sitzen dort komplett verschleierte frauen mit halbnackten SCHMUTZIGEN oft verkrüppelten kindern.
manchmal ist da auch ein sehr sehr alter mann mit so ner trommel, die er nicht spielen kann. er tut es trotzdem als ginge es um leben und tod. tut es für ihn wahrscheinlich auch.
an der stelle fange ich immer an zu drängeln, denn (das erscheint mir fast lächerlich es aufzuschreiben), dass ist kein ort zum verweilen, aber WIE SCHON OFT ERWÄHNT, inder neigen an den seltsamsten orten zum bummeln. also schubse ich schonmal ein bisschen und werfe gelegentlich ein „move!“ hinterher.
(oft versucht mich ein entgegenkommender dreibeiner „zufällig“ zu berühren)
treppe runter. bahngleis 2, warten auf den zug. irgendwo unspefizisch vor mich hinstarren, denn so bald man irgendwo spezifisch hinstarrt, wird sich jemand an gesprochen fühlen…
sobald ich im zug sitze, wieder entspannung. ein schluck aus der wasserflasche und ohrstöpsel rein. ich freue mich an dieser stelle erneut über die temperaturen, denn das ist sonst der punkt an dem ich mir endlich den schweiß von diversen körperteilen wischen kann und endlich im schatten sitze.

30 min augen zu, musik, wind und die feststellung, dass diese stadt so sehr zum romantisieren geeignet ist. auf jeden fall im vorbei fahren.
ab matunga road muss ich die musik etwas lauter drehen, da steigt immer eine dreiergruppe extrem geschwätziger inderinnen ein… aber ich bin schon abgestumpft genug, um nicht mehr die ganze zeit zu denken: PPSSSSSCCHHHHTT! ich mache einfach meine musik lauter, fertig.

aussteigen churchgate und in der menge mittreiben lassen.

auch auf den letzten 10min zu fuß zur arbeite freue ich mich wieder über das wetter. alles so schön grün und frisch! universitätsgebäude links und oval maiden rechts. da wird jetzt immer fleißig kricket gespielt am morgen. das licht ist perfekt. und auch hier liegen ein paar hunde herum, die ich im vorbei gehen grüße (heimlich).

wäre ich eine fröhliche natur würde ich allein wegen dem wetter das tun:

das ist alles in allem ein schöner weg zur arbeit und ich bemerke fast gar nicht mehr, wieviel lärm, schmutz und sexuelle belästigungen er beinhaltet.
das ist gut.

ich genieße diesen zustand noch einige tage und dann gehts 35 grad tiefer…

bis dann!

anya


(da kann man auch mal wieder sehen, wie dumm und faul tauben sind: lassen sich n stück papier an den schnabel kleben und fahren dann auch noch taxi!
und: man darf bei diesem lied zwischendurch einnicken, aber auf keinen fall den großen showdown verpassen)


von oben herab

seit letzter woche befinde ich mich offiziell im panik-gefrier-zustand! nach einem wochenende mit vielen vielen deutschen um mich herum (ach, man kann sich die erleichterung kaum vorstellen…endlisch noarmaaale leude!) erschrecke ich mich beim blick auf den kalender: tatsächlich! in weniger als einem monat hab ich nur noch deutsche um mich! dann bin ich hier tatsächlich weg. vielleicht für länger (nicht für immer, das steht wohl fest).

die aktuelle wetterlage zusammen mit der post, die ich in deutschland von meinen beiden hass-ämtern erhalten habe (na wer wohl: gehirnamputuiertenzentrale und arge) sprechen nicht gerade zum besten. Auch was ich an möchtegerndiskussionen aus der zeitung entnehme, lässt mich mehr als oft den kopf schütteln; entweder aus gründen der banalität  a la „habt ihr keine WIRKLICHEN probleme“ oder aus unverständnis, warum es in einem land, dass doch alle möglichkeiten hat, soweit kommen kann. wie gruselig ist denn z.b. die panikmache und hetze bezüglich der „geplanten anschläge“!!?? hilfe, die hottentotten kommen!
alles zusammen kein gutes bild, was sich da gerade in meinem kopf zusammenbraut.
ich merke, dass ich aus der entfernung immer öfter denke: wie dumm sie doch sind, die deutschen. es geht ihnen eindeutig zu gut.
und: ich will da nicht hin und frieren!

und dann werde ich schon in die erweiterte familienweihnachtsplanung aufgenommen und nörgle wie eine 16jährige ob der offensichtlichen nichtigkeit der anfrage…och nöööö. lasst mich blooooß in ruhe!

kann mich mal jemand daran erinnern, warum das so schön ist dort? gute luft und mettbrötchen zählen an dieser stelle nicht. die fehlen mir, wiegen aber nicht so schwer.
und umso näher ich dem abflugdatum komme, desto weniger will ich da hin, ganz ehrlich. in das land der dichter und denker (wo auch immer das geblieben ist). das land der verkopften endlosnonsenedebatten und anmaßenden behördengänge, des schlechten wetters und steigenden aggressinspotentials, der einsamkeit und der massenphänomene. da komm ich her, muss ich da hin?

und hier zum schluss, einfach aus prinzip….der klassiker „achmed, the dead terrorist“, den ich sonst nicht uneingeschränkt weiterempfehle, aber manchmal muss man einfach auch mal gegendrücken.

ps: mami, ich hab dich trotzdem lieb! (und komme auf jeden fall! )


LOVEnHATE (von der ambivalenz im sozialen exil)

in den letzten tagen wurde ich gleich mehrmals (sowohl von indischer wie auch deutscher seite) gefragt, wie mir mein leben in dieser stadt gefällt. how do you like it?
im allgemeinen schwingt in dieser frage ein leicht euphorischer unterton mit a la „isn’t it great“ (geil wa?) und ich, umso länger ich hier verweile, brauche immer länger, um eine antwort darauf zu finden.
meistens bleibt es bei dem stereotyp von „naja, du weisst ja, man kann Mumbai nicht lieben oder hassen. es ist immer beides.“
aber selbst das passt irgendwie nicht mehr so recht. da finde ich mich also wieder, gestern, am telefon mit einer langjährigen freundin, mit der ich seit meinem fernbleiben nicht besonders viel kontakt habe. (was aber nicht schlimm ist, ich denke oft an sie und sie bestimmt auch an mich! 🙂 ) natürlich freut sie sich meine stimme zu hören, die aus gleichem grund sehr fröhlich klingt. sie fragt, wie es geht. wie es mir geht-eine frage, die auf meiner hass-floskel-liste ganz ganz oben steht und nur bei einigen wenigen leuten mit einer ehrlichen antwort bedacht wird. bei ihr zum beispiel. und tatsächlich antworte ich mit: es geht mir ganz gut, ja. ich gucke von außen auf mich und wundere mich über meine antwort. ich bin nicht sicher, ob das stimmt.
das alltägliche leben in dieser stadt wird gegen aller erwartungen nicht einfacher, will einfach nicht einfacher werden!

mumbai hat sich in den letzten monaten zu einer vertrauten geliebten entwickelt, die in einer klammernden umarmung in mein ohr flüstert: du bist ein nichts hier, ein niemand.

dank inzwischen allbekannten medien halte ich meinen kontakt nach deutschland den umständen entsprechend ganz gut und pflege ihn täglich.
und gerade in den letzten wochen ist mir wieder sehr sehr deutlich vor augen, was ich an meinem leben hier habe und was eben nicht.
ganz klar zieht sich eine linie zwischen beruf und privatleben. ersteres kann und will ich mir in deutschland momentan so überhaupt nicht vorstellen und letzteres hier ist ganz oft einfach nur eine farce.
ja, nein, ja….es gibt soziale kontakte die gut funktionieren, aber das alltägliche dasein ist und bleibt anstrengend.
ich gewöhne mich nicht an gewisse dinge und hatte es insgeheim doch gehofft. dreck und schmutz-ja. wasserregulierung-ja. lärm-bedingt ja.
aber jeden, JEDEN morgen, wenn ich mich durch die arschlangsamen massen an der station bandra drängele (genauso in der stinkigsten unterführung der ganzen welt an der churchgate station) verspüre ich diese sehr explosive mischung aus furcht, ekel, aggression und einfach nur genervtheit. ich gebe mir mühe, mich auf das positive zu konzentrieren, dass auch da ist: der bunte sari der frau vor mir, die dumme ziege links oder ein papierdrachen der über den dächern fliegt. all das ist auch schön, ja.
was aber so stark wie der kackegeruch an diese ecke alles überdeckt, was an schönheit da sein könnte sind die sich am sack kratzenen, vulgären männerMASSEN und die schrillen, zickigen alten damen. es stört mich nichtmal, dass ich schwitze. während ich an der platform auf meinen zug warte. es ist nicht angenehm, gut, aber ich packe das. wa sich nicht packe, ist der zug, der am gegenüberliegenden gleis hält: voll voller localtrain! der bleibt stehen und geschätzte hundert augenpaare gieren hinüber. das wird und wird nicht einfacher zu ignorieren. im gegenteil. ich war schon zweimal kurz davor einem 1,65mann, der neben mir an der ampel im abstand von 1meter an mir herunterblickt in die eier zu treten oder ihn zumindest anzuspucken.
ein zeichen von absoluter hilflosigkeit, oder? allein mein stolz, mir diese blöße zu geben, hält mich zurück.

sitze ich dann im zug der ersten klasse für damen (die inzwischen mich und ich sie kenne), habe meine musik im ohr eingestöpselt und spüre den warmen (auch etwas miefigen) wind in den verschwitzten haaren und düse gen süden habe ich das gefühl, angekommen zu sein. auf dem richtigen weg.
das ist unheimlich gut. das würde ich nie gegen mein leben vor einem jahr eintauschen. gegen fließend warmes wasser, gegen ruhe und spaziergänge im park….na gut, letzteres war ein schweres opfer.

die frage lautet also: ab wieviel prozent „wohlgefühl“ kann man von „happy“ sprechen und wie stark ist beruf gegen privates abzuwiegen?

denn eine hoffnung nimmt langsam und grausam ihren abschied: dass ich hier sein kann, wie ich will. als frau und mensch.
und zumindest damit hatte ich in deutschland nie probleme.
(ich behaupte nicht, dass es dort keinen mainstream gibt, aber das reine existieren als individuum, zumal als weibliches, ist dort wesentlich WESENTLICH einfacher)

anya