luft holen

Es war ganz klar. Mein körper hats mir vorgemacht und ordentlich die alarmglocke geläutet und nun folgt eben auch der rest.
und manchmal sind es dann eben doch die einfachen fragen, die einem wie ein spiegel vorgehalten werden. Dann sind sie nicht mehr zu verleugnen.
habe ich ganz gut geschafft, ziemlich lang sogar. Hatte schon gelegentlich die ahnung, dass mir mein unterbewusstsein da irgendwann noch einmal eines ins genick verpassen würde.
es handelt sich um die sehr verständliche frage: wie machst du das eigentlich alles? Wie überlebt man diesen ganzen wahnsinn? Wohin schafft der europäische körper die ganzen schönen und schrecklichen erlebnisse, die in unverdaulichem tempo auf einen hereinprasseln in einer stadt wie mumbai?
Diese frage ist mir schon oft begegnet. Von vielen gästen, die für ein paar monate in die stadt kamen oder kürzer. Meistens waren sie am anfang auch etwas schockiert wegen meiner manchmal etwas zur aggression gegenüber den alltäglichen dingen vor ort neigenden haltung. Sie verstehen mich nach einem monat hier. Und grundsätzlich ist meine haltung ja auch nicht negativ dem hiersein gegenüber. Wäre dem überwiegend so, wäre ich nicht mehr hier. Es bleibt dann eben die frage übrig, wohin diese negative energie fließt. Bei der guten, der schönen kann man das gleich sehen. Sie fließt nach außen scheint mir, äußert sich in guter laune, lieben briefen an freunde, energetisch geladener arbeitsmoral.

wo aber bleibt das minus?

manche meditieren.

manche treiben sport.

oder sind vielleicht ab und zu einfach mal richtig böse und fies.

Ich merke zunehmend, nicht immer nur vom arbeitsstress herzuleitende erschöpfungserscheinungen. Manchmal habe ich diese wirklich schlimmen alpträume noch, die ich zu beginn meines indienaufenthaltes hatte. Meistens sind es aber nur so kleine dinge, wie ein nerviges augenzucken oder unendliche müdigkeit am wochenende, die mir zeigen, da fehlt was, da stimmt was nicht.
Der großen frage habe ich mich bis jetzt aber noch nicht wirklich gestellt: was macht dieses manchmal auch sehr erwünschte aufreiben mit meiner seele? Wohin geht das alles?

In den letzten monaten ist mir verstärkt dieses luftholen aufgefallen. Ich vergleiche es mal mit einem laaaaangen tauchgang, der zwischendurch unterbrochen wird mit heftigen tiefen atemzügen, wenn der kopf endlich über die wasseroberfläche gelangt.
das luftholen äußert sich bei, so meine vermutung, in überbordender freude über deutsche gäste beim institut. Ich genieße den austausch in der muttersprache, das „sich nicht verhalten müssen“. Den umgang mit meines gleichen…oder so. es ist wie luftholen. Angenehm, erfrischend und dringend notwendig.
man muss dazu ja auch sagen, dass immer wieder ganz tolle menschen (nicht alle sind künstler, aber die meisten) nach mumbai kommen. Interessante menschen mit ansichten, die ich teilen kann und mit denen ich mich verstehe. Das ist sehr schön 🙂
schon einige schöne und wertvolle freundschaften sind daraus entstanden, die ich sehr schätze.
(das sich im ausland kennenlernen auch eine sehr eigene note)
Leider gehen diese menschen immer vor mir wieder und hinterlassen eine lücke, die ich zusehends als verlust empfinde. Kommen und gehen. Kommen und gehen. Ich weiß auch, dass das im leben nun einmal so ist, das menschen kommen und gehen und nicht alle so lange bleiben können, wie man selbst es möchte.
trotzdem sind mir die zeitspannen immer zu kurz und ich ertappe mich gelegentlich schon dabei, dass ich mich gar nicht mehr richtig verabschiede, weils zu weh tut. Mich einfach umdrehe und weitermache. Kommen und gehen.
verstärkt hänge ich mich dann auch total an die vorrübergehenden weggefährten und werfe alles andere über board….
Jetzt war wieder für nur ein paar tage jemand da, an den ich mich, glaube ich total gehängt habe. Musste dringend luftholen und die luft war süßlich frisch.
und dieser jemand hat mich eben gefragt (und das schon sehr schnell, ich bin eben doch für manche sehr leicht zu durchschauen): wie machst du das hier eigentlich? Wie schaffst du das?
gelegentlich hatte ich da schon meine halbfertigen antworten, aber dieses mal hat mich die frage so eiskalt erwischt und ins schwarze getroffen, dass ich nur sagen konnte: ich weiß es nicht. 

Und ich weiß es wirklich nicht. Einen wirklichen ausgleich habe ich nicht.
Habe sonst immer gelassen geantwortet: keine ahnung, man gewöhnt sich halt dran.
aber tut man das wirklich?

Jetzt hänge ich nun da mit dieser frage im raum.

die wunde ist offen und will behandelt werden.

Ich bin dankbar für tipps.
(hier käme jetzt night swimming von rem, video geht aber grad nicht rein….nerv)

ania


4 Kommentare on “luft holen”

  1. ana_bu sagt:

    meine liebe freundin, komm bald her zum wunden lecken. meine sehen anders aus, aber wer weiß, was kommt und bleibt. ich bleib dir erhalten, egal wo du steckst, pass auf dich auf. deine lieben würden dir das gern ab und an abnehmen, dich in den arm nehmen, langsam und tief mit dir ein und aus atmen, dich am endlosen wieterdrehen etwas hindern. aber auch sie, die dich lieben, haben gelernt, dich ziehen zu lassen. aber sie sind da, um dich zu halten, wenn du halt brauchst. aber irgendwann ist vielleicht die zeit gekommen, wo etwas beständigkeit einkehren sollte, etwas bleibendes…. es wird kommen, ganz bestimmt!!! hab dich lieb!

  2. andrea sagt:

    Danke mandy. Wunderbar gesagt.

    In jeder Karusseldrehung ist neben der Angst, das man nicht mehr aussteigen kann, immer auch ein wenig Adrenalin dabei. Und dieser Kick überblendet manchmal. Denn ohne diesen Kick ist da nur Leere und Langeweile. Und mein liebes Schwesterherz: du kannst mit Langeweile noch weniger leben als ohne Luft. Aber auch ich wünsche mir für dich eine Boje, an der man manchmal auftauchen kann.
    Andrea.


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