über verzweiflung, hilflosigkeit und sich bis ins unendliche stauende wut

ich nutze diese platform wieder einmal um dampf abzulassen. ich muss das tun und bitte schon im voraus um verzeihung für meinen vielleicht krassen ton. aber glaubt mir, lieber hier als…..ja…als!!! wems nicht passt: weggucken!

das thema ist wieder die indische bürokratie, die hier die willkürkarte unter dem deckmantel der „sicherheit“ spielt. jeder indienreisende kennt dieses spiel. JEDER.
NIEMAND den ich kenne, hat es je verstanden.

am anfang belächelt man das system. es erscheint (und nicht nur das) absurd, verwirren, „typisch indisch“, ist immer für eine anekdote gut. a la „wisst ihr, was mir da neulich in indien passiert ist!?“
später tut man es genervt ab, ja, man kennt es schon, ändern lässt sich das nicht und irgendwie findet sich doch ein weg.
aber abtun oder gar abschütteln lässt sich diese verirrung nie. ich hab das ja im letzten beitrag versucht, schon anzureißen. man schluckt doch mehr an frust als einem lieb und bewusst ist.

letzten freitag ist also wiedre eine dieser eitrig frustgefüllten blasen geplatzt bei mir.

was ist passiert?
das was schon so vielen vor mir bereits geschehen und so vielen nach mir passieren wird. ich hab vor drei wochen mein liebes liebes telefon verloren. große trauer. wir mochten uns sehr und hatten uns über drei jahre auch sehr aneinander gewöhnt. jaja, mein liebes phone.  am tiefsten an diesem großen verlust hat mich aber eigentlich getroffen, dass es überhaupt passiert ist. denn ich bin chaotisch, ja (!), aber ich verliere meine sachen nicht und weiß auch im größten papierhaufen eigentlich immer, wo alles ist…also so grob. aber das ist ein anderes thema und eine andere geschichte. lost my phone also.
wie groß der schmerz war konnte man daran sehen, dass ich innerhalb der folgenden 24h SOFORT ein neues kaufte und dazu auch eine kostenlose sim-card bekam. kam mir ganz recht, denn eigentlich befand ich mich mitten in einem riesen projekt und konnte nicht NICHT erreichbar sein! die alte nummer war eh erstmal gesperrt und auch noch ein anderes thema….

mit dieser neuen pre-paid simcard ging der ganze papierscheiß aber wieder von vorn los. es ist den nicht-indien reisenden vielleicht nicht klar, aber die indische bürokratie schlägt da zu, wo man sie nicht erwartet. bei prepaid simkarten zum beispiel. dieser scheinbar einfach erwerb einer telefonierkarte ist mit einem haufen kopien und fotos und nachweisen versehen, die in wieder kehrenden zyklen stets neu hinterfragt werden.
soll heissen: nur weil du EINMAL alles abgeben hast, heisst das keineswegs, dass alles i.o. ist!

ich hab das getan, was jeder an meiner stelle wohl getan hätte…ich hab den ganzen mist einmal abgegeben und dann verdrängt, dass es zu 100% einen zweiten teil geben würde….
der zweite teil traf dann anfang letzter woche ein, als die netten herrschaften von der telefonfirma (name ist egal, sind alle gleich beschissen in diesem punkt) einfach mein telefon sperrten und mich mit einer sms darauf hinwiesen, dass da papiere fehlen würden und ich mich bei der nächsten filiale melden solle…
oh nein, ich wusste, ahnte, was das heisst.
in 99% dieser fälle wollen sie nämlich ein dokument, was du garantiert NICHT zu verfügung hast und das bedeutet dann, herauszufinden, welcher andere weg nach rom führt. eine energie-und zeitverschwendung ohne gleichen! jaaaa, ich weiß, die inder sind toll im wege finden und das ist alles möglich hier ist und sie nicht so starr und stur sind wie die deutschen…BLABLABLA….
mir scheißegal.
nach einer anstrengenden woche wie der letzten (denn ÜBERRASCHUNG, ich bin nicht hier, um passfotos zu machen und meine ausweiskopien durch die stadt zu fahren, sondern habe einen job!) interessiert mich das alles nicht. ich wünsche mir eine einfache lösung, damit mein telefon wieder funktioniert. und weiß gleichzeitig, dass es diese nicht geben wird. verzweiflung.
als unser lieber fahrer samy also mit den papieren und dem geld, mit dem ich ihn zum laden geschickt habe, zurück kommt und mir sagt, dass ich dort selbst hin muss und papier XYZ nachreichen, platzt mir der kragen. ich konnte einfach nicht mehr. nicht ein einziger nervenstrang war da mehr vorhanden und ich brach in einen wütenden hasstiradenredeschwall aus mit heissen tränen in den augen. ich hab sehr böse dinge sagen wollen (vll hab ich sie auch gesagt) und will sie hier lieber nicht wiederholen, aber an dem punkte hörte ich, frau toleranzkulti, auf politisch korrekt zu sein. danke indische bürokratie.
dann bin ich ins klo gegangen, tür zu und hab erstmal geheult zehn minuten. danach gings besser.

dann mit samy zum laden, in dem die frau mir NATÜRLICH erklärte, dass das der sicherheit diente. meine nachfrage, was denn daran sicher sei, wenn ein inder vor ort für mich bürgte und bestätigte, dass ich unter der und der adresse tatsächlich wohnen würde hatte sie auch keine antwort. komisch.
ich hätte doch IRGENDEINE person bitten können, zu bestätigen dass ich dort und dort wohne. „und das ist jetzt sicher?“-„yes, maam“ ja, schon klar.
so lässt sich terrorismus verhindern!! lösung gefunden!

ich musste dann natürlich auch nochmal neue passfotos machen, auf denen ich jetzt wirklich aussehe wie von der RAF. ich trug an dem tag schwarz und hatte einen dermaßen freudigen gesichtsausdruck, dass der fotograf sich nicht mal traute, mich zu einem lächeln aufzufordern….

es ist allein dem verhandlungsgeschick des lieben samy zu verdanken, dass mein telefon jetzt wieder geht, denn ich konnte mich nur mit mühe und not selbst von einer gewalttat zurückhalten. ich gestehe ganz ehrlich, ich hätte ihr gern meine faust irgendwo hingeschlagen. ich weiß, dass ist nicht in ordnung, aber es war so. das sagt auch etwas aus, über den zustand in dem ich mich befand, nicht wahr?

der brüller kam am ende: auf die frage, ob jetzt alles in ordnung wäre oder ich in 4 wochen vor dem gleichen problem stehen würde….denn natürlich hatte ich die notwendigen papiere nicht zur hand und natürlich gab es auch einen anderen weg….sagt die arme seele hinter dem schalter: vielleicht, muss aber nicht sein.

ich verabschiede mich mit der neuen von deichkind. passt wie arsch auf eimer. und los bitte:

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luft holen

Es war ganz klar. Mein körper hats mir vorgemacht und ordentlich die alarmglocke geläutet und nun folgt eben auch der rest.
und manchmal sind es dann eben doch die einfachen fragen, die einem wie ein spiegel vorgehalten werden. Dann sind sie nicht mehr zu verleugnen.
habe ich ganz gut geschafft, ziemlich lang sogar. Hatte schon gelegentlich die ahnung, dass mir mein unterbewusstsein da irgendwann noch einmal eines ins genick verpassen würde.
es handelt sich um die sehr verständliche frage: wie machst du das eigentlich alles? Wie überlebt man diesen ganzen wahnsinn? Wohin schafft der europäische körper die ganzen schönen und schrecklichen erlebnisse, die in unverdaulichem tempo auf einen hereinprasseln in einer stadt wie mumbai?
Diese frage ist mir schon oft begegnet. Von vielen gästen, die für ein paar monate in die stadt kamen oder kürzer. Meistens waren sie am anfang auch etwas schockiert wegen meiner manchmal etwas zur aggression gegenüber den alltäglichen dingen vor ort neigenden haltung. Sie verstehen mich nach einem monat hier. Und grundsätzlich ist meine haltung ja auch nicht negativ dem hiersein gegenüber. Wäre dem überwiegend so, wäre ich nicht mehr hier. Es bleibt dann eben die frage übrig, wohin diese negative energie fließt. Bei der guten, der schönen kann man das gleich sehen. Sie fließt nach außen scheint mir, äußert sich in guter laune, lieben briefen an freunde, energetisch geladener arbeitsmoral.

wo aber bleibt das minus?

manche meditieren.

manche treiben sport.

oder sind vielleicht ab und zu einfach mal richtig böse und fies.

Ich merke zunehmend, nicht immer nur vom arbeitsstress herzuleitende erschöpfungserscheinungen. Manchmal habe ich diese wirklich schlimmen alpträume noch, die ich zu beginn meines indienaufenthaltes hatte. Meistens sind es aber nur so kleine dinge, wie ein nerviges augenzucken oder unendliche müdigkeit am wochenende, die mir zeigen, da fehlt was, da stimmt was nicht.
Der großen frage habe ich mich bis jetzt aber noch nicht wirklich gestellt: was macht dieses manchmal auch sehr erwünschte aufreiben mit meiner seele? Wohin geht das alles?

In den letzten monaten ist mir verstärkt dieses luftholen aufgefallen. Ich vergleiche es mal mit einem laaaaangen tauchgang, der zwischendurch unterbrochen wird mit heftigen tiefen atemzügen, wenn der kopf endlich über die wasseroberfläche gelangt.
das luftholen äußert sich bei, so meine vermutung, in überbordender freude über deutsche gäste beim institut. Ich genieße den austausch in der muttersprache, das „sich nicht verhalten müssen“. Den umgang mit meines gleichen…oder so. es ist wie luftholen. Angenehm, erfrischend und dringend notwendig.
man muss dazu ja auch sagen, dass immer wieder ganz tolle menschen (nicht alle sind künstler, aber die meisten) nach mumbai kommen. Interessante menschen mit ansichten, die ich teilen kann und mit denen ich mich verstehe. Das ist sehr schön 🙂
schon einige schöne und wertvolle freundschaften sind daraus entstanden, die ich sehr schätze.
(das sich im ausland kennenlernen auch eine sehr eigene note)
Leider gehen diese menschen immer vor mir wieder und hinterlassen eine lücke, die ich zusehends als verlust empfinde. Kommen und gehen. Kommen und gehen. Ich weiß auch, dass das im leben nun einmal so ist, das menschen kommen und gehen und nicht alle so lange bleiben können, wie man selbst es möchte.
trotzdem sind mir die zeitspannen immer zu kurz und ich ertappe mich gelegentlich schon dabei, dass ich mich gar nicht mehr richtig verabschiede, weils zu weh tut. Mich einfach umdrehe und weitermache. Kommen und gehen.
verstärkt hänge ich mich dann auch total an die vorrübergehenden weggefährten und werfe alles andere über board….
Jetzt war wieder für nur ein paar tage jemand da, an den ich mich, glaube ich total gehängt habe. Musste dringend luftholen und die luft war süßlich frisch.
und dieser jemand hat mich eben gefragt (und das schon sehr schnell, ich bin eben doch für manche sehr leicht zu durchschauen): wie machst du das hier eigentlich? Wie schaffst du das?
gelegentlich hatte ich da schon meine halbfertigen antworten, aber dieses mal hat mich die frage so eiskalt erwischt und ins schwarze getroffen, dass ich nur sagen konnte: ich weiß es nicht. 

Und ich weiß es wirklich nicht. Einen wirklichen ausgleich habe ich nicht.
Habe sonst immer gelassen geantwortet: keine ahnung, man gewöhnt sich halt dran.
aber tut man das wirklich?

Jetzt hänge ich nun da mit dieser frage im raum.

die wunde ist offen und will behandelt werden.

Ich bin dankbar für tipps.
(hier käme jetzt night swimming von rem, video geht aber grad nicht rein….nerv)

ania