a very german party!

da ist was dran, an dem schiften der eigenen persönlichkeit im exil. so hörte ich von einem türkischen freund, dass die in deutschland ansässigen türkischen familien in der ausübung ihrer „kultur“ (ich setze das in anführungszeichen, weil mir die verallgemeinerung durchasu bewusst ist) gelegentlich päpstlicher als der papst seien (und dem ganzen auch noch diese note zu geben).
ich für meinen teil hab mir vo dem verlassen meines heimatlandes ins indische exil darüber nie allzu viele gedanken gemacht und mich auf jeden fall auch nicht als besonders eng mit meinem ursprungsland verbunden gefühlt. die gründe dafür sind vielschichtig und wurden alle mit einem staubig feuchten „wusch“ weggefegt an dem tag an dem ich nach mumbai kam.
das ist gut, ich wollte das ja so. aber inzwischen ertappe ich mich selbst gelegentlich in situationen, in denen mein altes ich auf das neue blickt und erschrocken und peinlich berührt zurückschreckt. wie zum beispiel letztes jahr, als ich einen jungen bettler im zug wie eine fliege verscheuchte. oder april 2008 als ich die erste maid in meinem leben anschrie. jaja, die kleinen überraschungen.

man verändert sich manchmal zum guten, manchmal zum schlechten. das lässt sich immer erst später herausfinden. just wait and watch, heisst es in diesem sinne.

gelegentlich gelingt es einem schon den schritt zurück zu machen, während man noch in der shifting situation ist. und ich glaube, so gings mir gestern.
denn gestern war ich auf meinem ersten oktober fest. überhaupt. nein, ich bin dafür nicht nach münchen gereist (obwohl ich mich wage erinnere, einer echten münchnerin nach der zweiten maß versprochen zu haben, dass wir das 2013 nachholen. ). seit dem letzten jahr wird selbige urdeutsche festlichkeit auch hier vor ort von der deutsch-indischen handelskammer betrieben. eine teure angelegenheit über deren motive ich mich hier wohl besser nicht auslasse. gerade auch, weil ich ein freiticket hatte. 😉
ich werde also gelockt mit freibier und würstchen. das hat leider schon öfter geklappt.

wie soll ich das geschehen nun beschreiben? ich hatte schlimmstes erwartet und dazu kam es …nicht. die inder haben sich de facto auch betrunken (darum gehts doch, oder?) aber ehrlich: die deutschen haben sich schlimmer benommen. wahrscheinlich unter den druck des sich ständig repräsentativ gut benehmens und unter dem einfluss einheimischer musik, getränke und dirndls/lederhosen ließen sie sich mal so richtig gehen. man verzeiht es ihnen.
ich fand mich also relativ schnell in einer sehr deutschen bierzeltatmosphäre wieder. schlachtrufe wurden gemeinsam gegrölt (zickezacke), die inder lernten shoonkln und derbe sprüche und die musiker könnten dem leben heinz strunks entsprungen sein. set-list gleicht einem abend auf malle: erst volkstümlich (heidi, maja) später tanzbar (i will survive, let me entertain you). hauptsache mitsingbar. und tanz bzw schunkelbar. auf den tischen, auf den bänken. überall reckten sich bierkrüge in die höhe.
dazwischen, etwas irritiert, wie erschreckte hunde an silvester: die kellner. typische sehr junge und dünne männer, die erst ganz stolz ihrer arbeit nachgingen, dann später aber einen blick hatten, der eher befremdliche angst (und daran geknüpfte vorsicht) erahnen ließ.
ich war nie der mitmachtyp und tanze nur, wenn ich auch mag. nicht weil andere andere es tun. ich stand also eben mehr an der seite, was so oft schon eine gute idee war und innerlich zog mein indien-dasein an mir vorbei. nicht zum ersten mal schoß mir durch den kopf: absurd. einfach absurd.

auf dem gipfel des tanzwütigen abends spielte die kapelle dann dieses lied. es wurde ganz pseudo-griechisch zum traditionellen tanz angehüpft und ich dachte zu allererst an die finanzprobleme im land…und dann, dann hats mich eiskalt erwischt. das heimweh. noch nie habe ich mich einem text von udo so nahe gefühlt wie in diesem moment. um mich herum jubelte und klatschte alles und ich konnte mir nur mit not eine kleine träne verkneifen. mein gott, war das schön.

oktoberfest in mumbai. anders als gedacht. ganz schrecklich und auch ein bisschen schön. aber nur wegen dem bier!?

und ja, ich hab jetzt eine rieisgen und vor allem schweren bierkrug zu hause und keine ahnung, wie ich den nach dtl kriegen soll und ob ich den überhaupt will.

😉 anya

 

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8 Kommentare on “a very german party!”

  1. Kerstin sagt:

    Kenne ich, das Gefuehl, wenn ploetzlich durch irgendeine Begebenheit tierisches Heimweh aufkommt. Ueberhaupt wird (bei mir) die Verbundenheit mit der Heimat von Jahr zu Jahr groesser, ist schon komisch. Wahrscheinlich muss man das, was man hat, erst hinter sich lassen, um zu erkennen, wieviel es einem eigentlich wirklich wert ist. Das waere dann die positive Seite.
    Ich merke, dass ich hier immer deutscher werde, auch wenn die kleinen Inderlein das Gegenteil behaupten;)

    LG
    Kerstin

  2. Kerstin sagt:

    War es fuer mich auch.

    Weihnachten ist auch so ein Thema. Bin frueher gerne dem Weihnachtstrubel entflohen und kann mich heute gar nicht satt sehen an kitschigen Weihnachtsfilmen zur Weihnachtszeit. Und wenn ich in Deutschland waere, wuerde ich alles Weihnachtliche in mich reinstopfen. Und das alles, weil ich es heute nicht mehr habe.

    Sind wir Menschen nicht komische Tiere?
    Lg
    kerstin

  3. dorodoro sagt:

    Ich habe in Australien mal ein Oktoberfest besucht, als mich der Deutschenclub einlud. Es war schier unerträglich für mich. Das lag wohl daran, dass ich diese Musik nur schrecklich finde.Allerdings war ich kein Einwanderer, sondern nur auf Zeit in Melbourne. Dann sieht man alles wohl eher mit kritischen Augen.Die Australgermanen klammerten sich aber – ähnlich wie oben geschildert – aus Nostalgie sehr leidenschaftlich an alle deutschen Sitten und Gebräuche.

  4. Daniela sagt:

    Awwww ich versteh dich. Waren solche Feste doch immer genau das Richtige, egal, ob Indien gerade gut oder böse war. Es war immer so eine Art Auffangbecken. Endlich alles kennen, so scheußlich es auch sein mag. Die Musik – oje, aber du hast richtig gesagt: man kennt es ja. Das ist alles, was zählt.

    Die (betrunken) Inder haben sich besser benommen als die Deutschen? Du schwindelst doch. Alkohol, der große Equalizer… da sind alle gleich peinlich. 🙂

  5. paralleluniversumanja sagt:

    „Auffangbecken“ 🙂
    alle gleich peinlich…neee, so würde ich das nicht nennen. das ist eher wie wenn sich auf einer großen familienfeier ausgerechnet der eigene bruder daneben benimmt…verstehste? 😉


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