subliminal sexual harassment

Eigentlich jede frau, die ich hier zu diesem thema bisher befragt habe, konnte etwas dazu sagen.  Sie alle haben ihre erfahrungen gemacht und die reaktionen schockieren mich immer immer noch. Sie reichen von einem schulterzucken, dem ratschlag, es einfach „zu ignorieren“ über mitleidsbekundungen bis zu eigenen berichten, die einem den atem stocken lassen.
kaum eine (fällt mir überhaupt eine ein ) hat sich gegen sexuelle belästigung offensiv gewehrt.

Jeder dieser berichte hätte mich, wäre mir oder selbst eine freundin ähnliches in dtl zugestoßen, dazu gebracht, den vorfall zu melden. Der polizei oder so denn am arbeitsplatz geschehen, der gleichstellungsbeauftragten. Es gibt ansprechbare orte und menschen für so etwas und sie werden genutzt. Ich hätte nicht gezweifelt. Durchaus bin ich auch in der lage, mich in kleineren fällen selbst zu verteidigen. Es war bis jetzt nicht nötig. Die mutmaßungen, warum, liegen an anderer stelle begraben.

Hier allerdings gehören die kleinen fälle zur tagesordnung. Man nimmt sie kaum noch wahr nach ein paar monaten hier und ich möchte wirklich nicht als emanze mit hang zu verallgemeinerung gelten, aber trotzdem heute mit der faust auf den tisch hauen. es reicht nämlich. ich habe wochen kleine portiönchen aggression geschluckt und nun platze ich.

Warum? Warum muss ich mir so viele kleine bemerkungen und blicke gefallen lassen, die ich unangebracht, belästigend und als degradierend empfinde? Und warum ist die allseits bekannte opferrolle im kleinen, nämlich in der ignoranz solcher attacken hier omnipräsent?

Ich habe dazu ein schönes beispiel.
ein namenloser fotograf hat sich an meinem arbeitsplatz für einen auftrag beworben. Ich bekomme oft solche emails. Manchmal kann man vermitteln, manchmal muss man höflich ablehnen. Das gehört dazu. Wir brauchten tatsächlich bald die hilfe eines fotografen, um eine veranstaltung zu dokumentieren. Also nahm ich kontakt auf und vermittelte.
einwerfen muss man, dass hier sehr viel und sehr hartnäckig für dinge, projekte, aufträge, job etc „geworben“ wird. Früher musste ich immer schmunzeln, wenn srk wiedereinmal in unerträglich übertriebender manier der liebe seines lebens hinterher jagte, um ihr in aller penetranz verständlich zu machen, dass sie füreinander bestimmt seien. Mir war damals nicht klar, dass diese penetranz oder nennen wir es freundlicher „hartnäckigkeit“ auch für andere lebensbereiche üblich ist.
ich nehme also lebenslauf und arbeitsbeispiele auf und bitte ihn, sich etwas zu gedulden, denn das projekt näme gerade erst formen an. In mehreren mails bittet besagter junger fotograf nun um einen termin mit der chefetage. Ich versuche ihm verständlich zu machen, dass es dafür zu früh sei. Er wartete eine woche und schrieb dann wieder.
auf der einen seite ist solche hartnäckigkeit ja lobenswert. Der junge bleibt dran. Auf der anderen seite können solche mails, von denen man, wie gesagt, auch nicht nur eine am tag bekommt, auch sehr lästig sein. Ich versuche also freundlich zu sein, aber distanziert.
Have patience, man!

Letzte woche nun traf wieder eine mail ein. Lang und ausführlich wurde unsere arbeit gelobt (es ist hier üblich und selbst ich benutze inzwischen floskeln, die mir in dtl extremst peinlich wären) und wieder auf ein treffen gedrängt. Bückling bückling. (das diese art des aufdrängens bei deutschen oft das gegenteil bewirkt, kommt als information da leider nie durch) und am ende….nun am ende folgte dies:

  One last thing, I hope you do not mind, but you have a beautiful name. I wanted to tell you this the first time you mailed me but then I decided to wait. Now, I’m thinking, why wait to say something nice! Beauty should be appreciated in all forms, I believe. In case I’ve crossed a line, I apologize.

dem deutschen leser stellt sich jetzt wahrscheinlich ein großes fragezeichen ein. ich warte beim ersten lesen noch auf einen zwinkersmiley, hielt ich es doch für einen scherz.
dann bat ich, meine kollegin, die mail zu lesen und sie riet mir, dass übliche zu tun: ignorieren.

Ein bisschen kontext hierzu: erstens hat er mit dieser bemerkung eindeutig eine hierarchie durchbrochen, die hier meistens nicht so offensichtlich für ausländer, aber doch sehr strikt vorhanden ist. Zweitens stößt mir die frage auf, ob er tatsächlich glaubt, sich damit jobtechnisch in eine bessere position zu bringen und drittens, ja,  fühle mich in eine ecke gedrängt. nachdem ich gleich am anfang meiner indienzeit für einige wochen einen stalker vor meinem arbeitsplatz hatte (einen idiotischen künstler, mit dem ich einmal bei einer veranstaltung ein paar worte-offensichtlich zu viele-gewechselt hatte und der nun „zufällig“ in der gegend war) und letztes jahr von einem mann nach hause verfolgt wurde, der dann mit offener hose und einem gesichtsausdruck der mich noch lange verfolgen wird vor meiner wohnungstür stand, frage ich mich doch, was das soll.

Ich möchte mich wehren, um mich sicherer zu fühlen, werde mit meiner unsicherheit aber stets allein gelassen. Nicht, dass ich damit tatsächlich allein wäre oder mich de facto unsicher fühlte, aber doch scheint hier niemand das gefühl zu haben, dass dies einen lauten schrei wert wäre.
das es ok ist, mich auf  dieweiblichkeit zu reduzieren (hätte er einem mann wohl das gleiche kompliment gemacht? i don’t think so)…oh, nicht zu vergessen, the white skin. Ich weiß, dass nicht jeder inder mich so sieht, aber genau so fühle ich mich, wenn ich so eine mail bekomme. Degradiert zu einem stück fleisch, das nicht einmal wütend darüber sein darf. Und schon bin ich wieder dabei mich dafür zu entschuldigen, dass ich belästigt werde…. Welcome to the past.
eine stunde später hat er dan noch angerufen. ich habe mich verleugnen lassen. und die bemerkung dann ignortiert.

ich versuche, es mit humor zu nehmen. mich nicht zu etwas machen zu lassen, dass ich nicht bin: ein opfer.

deshalb etwas ironisch zum abschluss ein lied meiner allzeit lieblingsband: die ärzte!

ps: hab ich schon von der mail erzählt, in der ein mann mir schrieb, dass es ihm leid täte, dass er sich jetzt erst melde. wir hätten uns vor ein paar wochen im zug nach bandra kennengelernt und doch so interessant miteinander geredet. er habe mich nun über unsere webseite ausfindig gemacht und würde ich freuen, wieder von mir zu hören.
ICH FAHRE IM FRAUENABTEIL NACH BANDRA PUNKT

 

 

 

 

 

 

 


6 Kommentare on “subliminal sexual harassment”

  1. mutti sagt:

    liebe Anja, ich kann so was immer gar nicht lesen…….

  2. Daniela sagt:

    Igitt. Warum lässt du ihn nicht eiskalt abblitzen und engagierst einen anderen Fotografen, entweder ohne Angabe von Gründen oder auf Grund offensichtlichem Mangel an Professionalität. Du kannst dich wehren, Schnecke. Sei fies. 🙂

  3. paralleluniversumanja sagt:

    dani! danke, das du schreibst…ich hatte es gehofft! 😉 wir haben ja schon einen tollen Fotografen, brauchen aber evtl noch weiter Hilfe…langes Thema.
    Fies sein…okee, I’ll try my best! 😛

  4. Thea sagt:

    Weibliche Fotografen ausfindig machen oder nur mit Leuten arbeiten, die schon im westlichen Ausland gelebt haben?

  5. sabeth sagt:

    auch wenn indien das bestimmt verstärkt kenne ich solche dinge auch aus deutschland. was machen? ist eine gute frage. ich würde sagen: immer wehren. sehr bestimmt die grenzen deutlich machen. und dabei gilt: die grenzen bestimmt man selbst. denn da gibt es ja bekanntlich große unterschiede und manchmal ist ein „ist doch nicht so schlimm“ da sehr verunsichernd finde ich. obwohl ich mir da ab und an auch mehr gelassenheit wünsche, aber nicht im gleichgültigkeits-sinne. liebe anja, stärke und gelassenheit wünsche ich dir.

    • paralleluniversumanja sagt:

      jaja, gelassenheit. ich bin da schon viel besser geworden (muss ich hier auch sonst droht der pure wahnsinn), aber vom „abperlen“ kann hier keine rede sein…
      danke für die lieben worte!
      anja


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