demokratie ist demokratie

Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, die die Westler nach Indien treiben. Die Motive ragen sehr weit auseinander und jeder kommt mit seinem eigenen Bild im Kopf, dass natürlich auch voller Klischees ist. Diese spielten natürlich auch für mich eine Rolle und obwohl ich mich bereits „in die Materie eingelesen“ hatte und mir versucht habe, im Vornherein ein Bild von der Lebenssituation dort zu machen (an diesem Punkt noch einmal einen großen Dank an unser aller Inspiration, der lieben Nosianai  ), erging es mir nicht anders: ich kam mit Bildern im Kopf und war dann vor Ort total verloren, zumindest zunächst.
Eines dieser Bilder bezog ich auf die Vorstellung, es gäbe hier jede Menge Probleme mit Wasser und Elektrizität. Ich stelle mich also auf den schlimmsten Fall, der dann NATÜRLICH nicht eintrat. Ja, es gibt (im Vergleich zu deutschen Standards) immer wieder Schwankungen und zum Sommer hin wird das Wasser sehr knapp. Aber nichtsdestotrotz läuft es doch irgendwie in Bombay (hier läuft ja alles immer irgendwie) und im ersten halben Jahr hatte ich, glaube ich, einen! Stromausfall.
Irgendwann war ich dann an hin und wieder auftretende Schwankungen gewöhnt, beschwerte mich wie alle über die Wasserabschaltungen im Sommer, aber ging eben irgendwie damit um.
Aber wie das so ist mit den trügerischen Lebensumständen in dieser Stadt: immer dann, wenn man denkt, ok, jetzt biste angekommen, hast deinen Rhythmus gefunden….macht‘s ordentlich RUMS! und du wirst eines Besseren belehrt. Die Stadt streckt dir also wie Kali in regelmäßigen Abständen die schwarze Zunge heraus, um zu demonstrieren, WER hier den Ton angibt.
Gestern war wieder so ein Tag.
Ich bin inzwischen mitten im Arbeitsalltag angekommen. Ich habe viel zu tun und gebe auch dementsprechend viel Energie da rein, liegt mir das doch auch am Herzen irgendwie (jaja, ein Freund der Kulturmühle) und ich trotte Abends müde nach Hause, in der Hoffnung, dass sich die Umstände zu Hause nicht ausgerechnet HEUTE verschlechtern. (Das ist im Übrigen noch eine andere Geschichte wert) Gestern kurz vor fünf Uhr nachmittags rummorten die Buschfunktrommeln gewaltig. Das fasziniert mich auch immer wieder. Schon einige Male, zuletzt bei den Bombenattentaten im Juli diesen Jahres, konnte ich erleben, wie schnell sich Nachrichten in dieser Millionenmetropole verbreiten. Die Nachrichten strömen durch die Straßen und erreichen auch die kleinsten Winkel und den entferntesten Hörer im Minutentakt. Die heutige Nachricht lautete: neben der anscheinend schon erwarteten Busstreiks, sind ab sofort auch die Züge der Western Railways Linie im Streik. Was in den folgenden Minuten im Büro passiert ist für mich eine dieser typischen „indischen“ Situationen: Alle packen hektisch zusammen, die Stimmen auf den Fluren sind zwei Oktaven höher als normal. Überall wird telefoniert: du musst SOFORT nach Hause fahren! … Vielleicht erwischen wir noch einen Zug! … Ich bleibe auf keinen Fall die Nacht hier! …
In solchen Momenten wird jegliche Logik Lügen gestraft. Niemand versucht, klar zu denken und ist damit beschäftigt seinen sprichwörtlichen Arsch zu retten.
Ich verstehe, warum diese Reaktion so ausfällt und ringe selbst mit mir, denn was mache ich, wenn ich hier in zwei Stunden aufbreche und kein Zug, kein Bus und kein Taxi zur Verfügung steht? Trotzdem ärgert mich, dass sich anscheinend Niemand darum schert, was mit der anstehenden Arbeit passiert. Es rufen schließlich Leute an, die davon ausgehen, dass hier gearbeitet wird. Ich selbst warte auch noch auf eine wichtige Mail…
Ich bin also die Einzige, die erst einmal fragt, von wem diese Information kommt, die versucht, zu überprüfen, ob da was dran ist (ja, manchmal ist selbst das Internet zu langsam) und überlegt, wie sie schnell noch ein paar Emails beenden kann und wie sie die Chefin erreicht, um zu melden, dass das Büro bereits leer ist…
Ich ordne meine Sachen, schicke eine Nachricht an die Chefetage, die erklärt, warum Niemand mehr im Büro ist und mache mich auf den Weg. Die Atmosphäre auf den Straßen habe ich an solchen Tagen bereits zuvor erlebt und jedes Mal ertappe ich mich wieder dabei, dass mir ganz schlagartig bewusst wird, dass ich in einem fremden Land bin. Menschenschlangen (ich scheue mich, das Wort „Massen“ zu verwenden) strömen Richtung Churchgate Station, von wo die Western Railway gen Norden aufbricht, meine Bahnlinie. Natürlich regnet es in Strömen.
Ich überlege mir, welche Optionen ich habe, da mir das Bild, was sich am Bahnsteig wohl zeigen wird, mehr als bekannt ist und nur mit den Wort „Panik“ und „der Stärkere gewinnt“ umschrieben werden kann…ja, die Mumbaikars sind auch sehr hilfsbereit in solchen Situationen, aber naja…eben manchmal.
Mein Glück ist, dass meine Mitbewohnerin inzwischen ebenfalls in Colaba/Fort arbeitet und bereits ein Taxi geordert hat und mich nun anruft, um zu fragen, wo ich bin und ob ich reinspringen will! 🙂 Ja, will ich!
Wir brauchen NUR zwei Stunden nach Hause! Stop…Go…Stop..Go…yeah!

Und zu Hause wartet bereits das nächste Wunder auf mich, denn ausgerechnet HEUTE haben wir Stromschwankungen, was im Klartext heisst: An….Aus….An…..Aus. Also werden alle Geräte und Ventilatoren ausgeschaltet und wir sitzen im Halbdunkeln und spielen Uno!
Es ist also war, die ganze Technik hat uns einander endfremdet (ich wollte an dem Abend eigentlich mein Hörspiel zu Ende hören und ein bisschen für mich Lesen allein im Zimmer) und erst eine solche Notsituation erzeugt wieder gemeinsame Momente!
Es wird ein toller Abend mit drei großen Bier, jeder Menge Musikrevivals (oh, den kennst du auch!?) und Gesprächen über….nunja, das bleibt privat…hüstel….der erst um halb zwei Uhr früh endet.

fazit:

hier für den runden Gesamteindruck die Schlagzeile aus der zeituung von heute…

lg anya!

Advertisements

von neral nach matheran

Die schönsten Ausflüge kann man wohl am schlechtesten beschreiben. Vielleicht geht das auch nur mir so und ich egoistische Hexe möchte diese Erfahrung einfach nicht teilen, in der Angst, etwas von der wunderschönen Erinnerung könnte verloren gehen. Das kann man doch verstehen, oder?
ich war also auf meinem ersten Indien-Wandertripp, schlechtenst vorbereitet und grässlich ausgestattet, aber da wären wir auch gleich wieder bei einem der großen Indien-Pluspunkte: das ist alles wurscht. Es ist völlig egal, ob deine Trekingschuhevon Jack Wolfskin oder stoffschuhe von h&m sind. Sie mögen nicht dafür gemacht sein, werden der Situation aber angepasst.
die Fakten:
aufstehen ist für mich immer da schlimmste. (Überraschung!) und obwohl ich hier in Mumbai eigentlich kaum Schwierigkeiten mit dem aufstehn habe (was sich für mich eindeutig auf die wetter Situation zurück führen lässt-anderes Thema), tat es mir doch schon weh, als ich 4:45 in den Handywecker tippte…. Es war also noch dunkel, als wir losgingen, Neha und ich. Treff dann mit zwei weiteren Freunden und ab ging es von der Station Kurla (Central Railway) anderthalb Stunden gen Nordost. Vorbei an Thane, was mir als weitest entfernter Vorort Mumbais noch bekannt war. Die Bahnstationen wurden kleiner und dörflicher und als die Sonne gegen halb sieben aufging waren auch die Berge bereits im Hintergrund zu sehen. Saftig und grün. 🙂
Wir erreichten Nerla Station gegen halb acht. Von hier aus kann man mit dem Taxi relativ zügig zu einem der beliebtesten Ausflugsziele für Mumbaikars mit Ausflugsgelüsten fahren: Matheran. Auch wir wollten nach Matheran, allerdings nicht mit dem Taxi. Die Strecke hat hinab 25 Minuten gedauert und wir schätzten, dass wir inklusive unserer kleinen Umwege ca. 10 km gewandert sind. Zuerst die Straße endlang die erst aus dem Dorf und dann in die Berge führte. Schon beim ersten Chaiwalla-Stop wurde klar, dass wir es hier mit einer unglaublichen Landschaft und den unglaublichsten Ausblicken zu tun haben würden. Ca. 2 Stunden liefen wir also im Pisspott an der Straße entlang, was insgesamt ziemlich nervig war, denn aufgrund des langen Wochenendes (15.08 Independence Day) war Hinz und Kunz auf dem Ausflugstripp. Die völlig wahnsinnigen Taxifahrer lieferten sich also nonstop hupend Wettrennen auf den serpentinartigen immer enger werdenden Straßen. Großartige Voraussetzungen für Wanderer also…
Als wir uns dann später entschieden, einfach entlang der kleinen Eisenbahnschienen zu laufen (sie erinnern mich sehr an die Schienen der Molli, falls das hier noch Jemandem was sagt), die im Monsun außer Betrieb war, veränderte sich die Lage. Unglaublich wunderbare Stille breitete sich aus und das nervtötende „Määääp“ war nur noch gelegentlich aus der Ferne zu hören, wenn die Schienen wieder einmal die Straße kreuzten. Umso höher wir stiegen, desto mehr nahm der Regen auch zu. Weiter unten hatte es immer wieder kurze Schauer gegeben, die aber von Sonnenperioden abgewechselt wurden. Weiter oben wurde es zusehens frischer und windiger. Irgendwann war ich einfach nur noch nass. Ist dann irgendwann ja auch egal. Wandern oder Was lag also näher als ein Schlückchen Rum? In der zweiten Pause haben wir uns dann erst einmal anständig gestärkt… 😉 Das war auch gut so, denn die Herausforderungen lagen ja erst noch vor mir und hätte ich geahnt, dass ich an diesem Sonntag einen Wasserfall hinaufklettern würde (zwischen indischen Familien in Salwar Kameez Aufmachung, quietschend!!) und danach weitere zwei Stunden vollkommen (vollkommen!!) durchnässt durch neblige Schluchten watschen würde…ich glaube, ich hätte mehr Rum getrunken! Wie auch immer…es war toll! Ich hatte sogar einen dieser seltenen spirituellen Momente, die mir-entgegen aller Klischees-eigentlich nur äußert selten passieren. Aber den behalte ich für mich!

Die Fahrt hinunter mit dem Taxi hat im übrigen 25 Minuten gedauert und war öde.

in diesem Sinne!

anya

 

Nachtrag: ich muss, glaube ich, noch kurz erwähnen, dass wir nach insgesamt 6stunden wandern durch die grünen berge in mehr oder weniger großartiger stille dann kein interesse mehr daran hatten, uns matheran selbst anzusehen. „normalerweise“ ist das nämlich das eigentlich ziel der urlauber. die gurken da alle mit dem taxi oder eigenem vehikel hoch, um dann teuer eintritt zu bezahlen für das reservat ohne autos… da wir hochsaison haben, war es dort gerappelt voll und wie an schlimmen tagen am colaba causeway versuchte einem alle 2 Minuten Jemand was anzudrehen. Überteuertes Taxi, geführte Tour, Essen, Trinken, Beischlaf…
Das haben wir uns also erspart.