Geh doch weg und nerv jemand Anderen!

Wie sehr hab ich früher die Samstage gemocht! Seufz. Zu Zeiten, in denen ich nicht arbeiten musste am Samstag, versteht sich. Aufstehen, wenn man endlich wach geworden ist. Von allein! Lange ausgedehnte Dusche und dann ein noch längeres Frühstück, das in aller Ruhe und mit jeder Menge Lesestoff versehen ist. Man gönnt sich einen zweiten Kaffee und überlegt in aller Ruhe, wo man am heutigen Abend sein Bier zu sich zu nehmen gewillt ist und mit wem? Vielleicht später ins Kino oder Theater? All diese Überlegungen werden schwerfällig und ohne Zeitdruck im Kopf hin und her geschoben und die Betonung liegt dabei auf: RUHE!
Die Quintessenz dieses süßen Genusses des Samstag Vormittags liegt eben darin, dass Niemand etwas von einem will. Wenn Gesellschaft geduldet wird, dann nur, weil sie zu solchem Anlass dieselbe Trägheit zutage trägt wie man selbst. Jeder, der auch nur eine Woche mit mir zugebracht hat, weiß, dass es in meinem Leben keinen schlimmeren Fauxpas gibt, als mich vor dem ersten Kaffee anzusprechen!
Aber wir sind hier nicht zu Hause. Obwohl ich dieses vorübergehend als solches bezeichnen will, muss, sollte. Selbst nach mittlerweile etlichen zwischenmenschlichen Begegnungen, komme ich mir manchmal im eigenen Haus noch vor wie E.T. beim Versuch, eine Standleitung „nach Haaausee“ zu bekommen. Niemand scheint zu verstehen, was mir wichtig ist oder ist bereit, es einfach zu ignorieren. Und ich bin einfach schon zu lange mit mir selbst liiert, als dass ich bereit wäre, alles einfach hinzunehmen (heißt: mich ohne Murren anzupassen). Ich steuere also schon bald wieder auf einen Overkill zu. Besonders dann, wenn ich ständig belehrt werde, wie ich etwas zu tun habe. Versuche ich mich zu verteidigen, was in Englisch zusehends schwierig wird wenn ich emotional reagiere, wird der Ton immer lauter, heftiger und schriller. Genau das brauche ich Samstag früh: Jemand, der mir so richtig auf den Sack geht! Ich weiß, dass dieser Ton in vielen Fällen nicht so harsch gemeint ist, wie er für mein europäisches Ohr klingt. Er gehört zum täglichen Equipment jeder Frau in diesen Kreisen, die sich immer wieder verteidigen und positionieren muss. Gegenüber Maids, in der Familie, auf der Arbeit, im Shop… und das immer schön laut!
Ich war immer schon der Typ: sag mir klar und ruhig, was das Problem ist und wir reden darüber (ich bin wirklich die Letzte, die sich gegen Kritik ausspricht), aber SCHREI mich nicht an!!
In Mumbai wird man eigentlich nur angeschrien. Perfekt, was mache ich hier? Auf der Straße, weil‘s so laut ist. Im täglichen Umgang, um die Wichtigkeit einer sonst zur Bedeutungslosigkeit verkommenden Aussage zu unterstreichen. Und immer auch um zu zeigen: ich bin stark und nicht mit mir, ich behaupte meinen Platz. An einigen Punkten im Alltag habe ich bereits dazu gelernt. Zum Beispiel Im Zug, in dem ich inzwischen in der Lage bin, meinen Quadratmeter Platz zu verteidigen. Nicht in dem schreie und keife (bitchen in der ersten Klasse, oje!), sondern einfach, in dem ich sanft aber bestimmt Druck ausübe (ich meine das durchaus körperlich) und nur soweit zurück rücke, wie ich auch wirklich bereit bin, an Platz aufzugeben. Das klappt meistens ganz gut.
Aber dieser Gesprächston, der hier an den Tag gelegt wird….nein nein, den will und kann ich nicht akzeptieren!
Als meine Mitbewohnerin mich also heute  in dieser typischen Tonlage (ich habe auch gehört, der nordindischen Gesprächswind wäre noch einmal um einige Grad kälter als der im Süden) dazu ermahnt, den Aschenbecher ordentlich zu säubern, wenn ich ihn benutzt habe und meine Wäsche nicht zu dicht an ihre zu hängen und mich etwas vorwurfsvoll an meine Mietrückstände erinnert („will it be like this now EVERY month?“), während ich eigentlich nur gern das Wasser für meinen Kaffee in der Küche erhitzen möchte und dafür nach einem sauberen Topf im Chaos suchen muss (yeah! WG!!), bin ich soo kurz, wirklich soo kurz davor, ihr einfach auf Deutsch mal zu sagen, was sie mich gerade mal kann!
Dann wäre meine Laune für diesen Tag allerdings komplett dahin, weil ich sowas immer lange mit mir rumschleppe. Ja, ich weiß doof, rauslassen und weitermachen. Aber ich bin das Gegenteil eines Cholerikers! (außerdem hab ich für solcherlei Dinge doch schließlich meinen Blog  )
Und das alles von einer Frau, die sich weigert, das Brot bis zum Ende aufzubrauchen, so dass stets ein bis zwei halb leere Packungen im Kühlschrank liegen, die ICH dann aufessen darf….schon klar!
Ich trete also den geordneten Rückzug an und warte, bis sich die Lage in der Küche entspannt hat und ich in Ruhe Frühstücken kann. Ich will doch nur meine Ruhe!

Natürlich verbündet sie sich anderthalb Stunden später wieder mit mir, weil sie mich gebrauchen kann. Wir diskutieren die Einkaufsliste, nett und höflich. Wie es sich gehört. Geht doch!

Wenn jetzt noch dieser verdammte Baulärm auf der anderen Straßenseite aufhört könnte ich mich vielleicht endlich meinem Samstag widmen. Grmpf!

anya


4 Kommentare on “Geh doch weg und nerv jemand Anderen!”

  1. Julia sagt:

    Hallo Anja

    Da siehst du wie rücksichtslos die Menschen sind. Mich nervt der unnötge Lärm wie z.B. Schubladen und Schranktüren zu knallen. Oder eben das was deine Mirbewohnerin macht, dich anquatschen obwohl sie sieht das du noch nicht ganz da bist, du schlummerst noch in dir drin. Solche Menschen haben kein Feingefühl, sind blind und aus Beton, finde ich. Und dann ärgern sie sich noch wenn man höflich sagt, ich möchte meine Ruhe. Ich habe gelernt mir Ohrpax ins Ohr zu stopfen , ist dann alles angenehmer.

    Gruss Julia

  2. Shhhhh sagt:

    Das hört sich nach einem verdammt schlechten Tag an. Ich gehöre ja mittlerweile zu den Sehrfrühaufstehern, so dass mir zumindest Begegnungen vor dem ersten Kaffee erspart bleiben – und die eine Begegnung, der ich nicht ausweichen kann, ist dann immer satt und zufrieden und hat ein Lächeln für mich übrig, reden ist noch nicht drin.

  3. Thea sagt:

    Ich wache auch immer viel zu früh auf und begegne nie jemandem vor der ersten Koffein-Einnahme… dagegen habe ich aber auch das Problem, daß ich meinen Gesprächsfluss etwas drosseln muss, wenn mein Mann fünf Stunden später aufwacht…. ich bin einfach so schrecklich wach… 😀


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