heim/weg

müde und erschöpft mache ich mich gestern auf den heimweg. ein anstrengender arbeitstag geht zu ende, inklusive besuch beim frro. es regnet schon wieder, ich bin hungrig und müde und hoffe einfach nur, dass ich heute auf dem heimweg nicht wieder angequatscht werde. den tag zuvor lief wieder so ein abgebrochener mann eine weile einen halben schritt hinter mir (man muss sich dann auch vorstellen, dass ich natürlich nicht allein die straße entlang laufe, aber man merkt schon recht schnell, wann jemand versucht, sich deinem schritttempo anzupassen…) und frug dann nach einer weile mit schlechtem akzent: you liking it here?
ich erreiche churchgate und gottseidank einen zug nach andheri (der ist nicht so voll wie der nach borivli) um sieben, setze mich, stöpsle musik ein und versuche abzuspannen. Es sind insgesamt 11 stationen, für die der zug eine halbe stunde braucht. Perfekt für ein nickerchen. Vier stationen vor Bandra ruft meine mitbewohnerin an, die dies manchmal tut, um mich zu bitten, auf dem weg noch ein paar veggies oder käse mitzubringen. (ich hab aufgehört zu fragen, warum sie das nicht selbst macht. zu diesem zeitpunkt des tages bin ich einfach zu müde für widerspruch) dieses mal fragt sie etwas hektisch, ob ich ok wäre. ich horche auf: ja, warum? Es gab 2 explosionen, in Charni Road (5 stationen hinter mir) und Dadar (1 station vor mir).  …
Sie sagt, ich solle schnell nach hause kommen und aufpassen. Als ich auflege, sehe ich, dass eigentlich alle frauen um mich herum am telefonieren sind. innerhalb weniger minuten wissen alle bescheid. wir sind in der erste klasse: blackberrys und flatrates überall. es entsteht eine sehr seltsame athmosphäre, die ich so noch nie erlebt habe. man sitzt in diesem cocoon zusammen, weiß nicht so richtig, was da draußen los ist und jeder versucht, seinen heimweg abzustecken, freunde und familie zu erreichen und im grunde, herauszubekommen, was eigentlich passiert ist. mumbaikars haben schon einiges durch und lassen sich so einfach nicht erschrecken. eine kollegin bemerkte heute beim mittag mit einer sehr abgeklärten miene: wir sind schon an alles gewöhnt. das ist schrecklich! die stimmung im zug ist also angespannt, aber nicht hektisch.
erst als ich aussteige, merke ich wieder was von der hektik. aber ist sie anders als sonst zur rushhour? lässt sich kaum sagen. ich versuche, mich durchzudrängen durch die massen und bekomme zum ersten mal eine kleine gänsehaut, als sie am bahnsteig die übliche durchsage laufen lassen. die höre ich täglich, aber heute… „bitte lassen sie kein gepäck unbeobachtet stehen. falls ihnen ein objekt auffällt, kontaktieren sie die polizei. fassen sie es nicht an, es könnnte explosiv sein. …active cooperation is expected from you!“
ich informiere auf den letzten metern nach hause schnell meine schwester, weiß ich doch, wie schnell sich durch das internet solche informationen verbreiten und wie gruselig und fremd solcherlei ereignisse auf außenstehende wirken.
dann sitze ich zu hause un versuche für einige minuten den news irgendetwas informatives zu entlocken. ich möchte doch wissen, was passiert ist und worauf ich mich einstellen muss. aber leider wird (wieder einmal) nur panik gemacht mit ein und denselben bildern und schreienden „reportern“…irgendwann muss ich einfach ausschalten. das hält ja kein mensch aus!!
irgendwie bin ich ganz ruhig und schlafe auch gut. muss ich mir sorgen machen? um mich selbst oder die situation in der stadt, in der ich lebe?
aber um mich herum ist alles wie immer. in einer riesigen stadt wie mumbai muss man zwangsläufig nicht unbedingt mitbekommen, was alles passiert. ich sorge mich vielmehr um den ganzen regen, der dieser tage fällt. tatsächlich schwimme ich am nächsten morgen auch halb zur arbeit. dieser verdammte regen! jaaa, ich weiß, der ist wichtig und auch schön irgendwie, aber kann das nicht regnen, wenn ich IM BÜRO SITZE!!
der zug ist sehr leer, die straßen auch. wegen den attentaten oder wegen dem regen? teile der central line (die bahnlinie im osten der stadt) sind wohl gesperrt wegen überflutung.
ich denke nicht so viel darüber nach und mache meine arbeit wie immer.
und höre nebenbei musik aus dem tollen projekt von zwei freunden „audible approaches for a better place“. hoffen wir das beste und machen musik dafür. das finde ich gut. in kleinen schritten voran.
PEACE AND LOVE!
anja

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5 Kommentare on “heim/weg”

  1. Thea sagt:

    hmm… irgendwo gab es das Gerücht, daß der letzte überlebende Attentäter von Mumbai angeblich am 13.Juli Geburtstag haben soll… es ist wohl aber der 13.September, da und am 11. wird es noch mal „heiß“, bevor sich der eigentliche Attentagstag wiederum jährt… was kann man machen. So gut es geht Menschenmengen, Rush Hour vermeiden….aber wer Mumbai kennt, weiß eigentlich, daß das unmöglich ist. Schon mal darüber nachgedacht in einem anderen Max Müller Bhavan in einer kleineren, weniger symbolträchtigen Stadt zu arbeiten? Pune z.B. da gab es bisher nur einen Anschlag….

    • paralleluniversumanja sagt:

      das gerücht hab ich auch irgendwo gehört…halte es aber für quatsch!
      ebenfalls halte ich es für quatsch, nach einem „ungefährlichen“ arbeitsplatz ausschau zu halten und ganz ehrlich, im moment würde ich es, glaube ich, in keiner anderen indischen stadt aushalten als mumbai, schon gar nicht einer kleineren! 😉

  2. Andrea sagt:

    klingt toll: „Pune z.B., da gab es NUR EINEN Anschlag“…. pass auf dich auf.

    • paralleluniversumanja sagt:

      ja, da musste ich auch etwas schmunzeln…

      • Thea sagt:

        Naja, welche indische Stadt ab 1.Mio Einwohnern ist schon noch ohne irgendeinen Anschlag, Aufruhr, Religionsfehde usw. in den letzten 15 Jahren geblieben?
        Mein Mann nennt es immer das many-body-Problem und an sich ist ja das Interessante daran eher, daß sie meistens trotz unterschiedlicher Sprachen, Religionen, Traditionen durchaus friedlich zusammenleben und im Normalfall sind Touristen nicht das Ziel bzw. Nicht-Inder (selbst Terroristen wollen nicht unbedingt die Aufmerksamkeit ausländischer Polizei/ Untersuchungen und vorallem des CIA auf sich lenken), aber selbst da kann man sich seit Kasab und den Anschlägen von 2008 nicht mehr sicher sein…


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