wochenendblues

Internet, mein heimtückischer Geliebter. Erst Gemeinschaft und Verbundenheit heucheln (immer und wirklich von überall!) und dann, wenn du wirklich gebraucht wirst: entschwinden.
Das erste Wochenende in der Ferne war schon immer das schlimmste. All das bricht weg, was ich mir mühsam in den letzten 6 Monaten wieder und lieb gewonnen habe. Das Wochenendenetz fängt mich nicht auf. Ich kann nicht spazieren gehen. Es regnet stark, ist schwül und ja, es ist Mumbai (keine Bürgersteige, Parks um die Ecke oder kleine Cafés zum ausruhn). Ich kann keine Freunde anrufen, um mich auf den neuesten Stand bringen zu lassen und TV nervt. Ich sehne mich nach einem kurzen Plausch im Netz und ausgerechnet jetzt streikt die Internetverbindung! Facebook, Skype wo seid ihr? Ein kurzer Plausch im Chat würde mich schon entschädigen, aber nichts geht. Alle halbe Stunde versuche ich mein Glück erneut und scheitere. Suche verzweifelt nach Alternativen, doch ein neuer Rhythmus ist noch nicht gefunden. Ich hab die letzte Neon aus der Bibo ausgeliehen und stelle eigentlich nur fest, dass die mir noch nie so recht gefallen hat. Wahrscheinlich eine Altersfrage, auf jeden Fall bin ich in allen Artikeln anderer Meinung und blättere lustlos durch die Seiten. Mag auch eigentlich nicht wirklich lesen, will mich ablenken, leicht unterhalten werden und mich vielleicht auch etwas austauschen. Das reicht doch schon. Ein Wochenendbier mit Freunden scheint mehr als nur 6000km entfernt und ich hab schrecklichen Durst auf ein simples Bier. Auch egal ob Warsteiner, Radeberger oder Becks.
Gott, können Tage lang sein, wenn man noch keinen Platz in ihnen gefunden hat und die einzigen festen Termine „Duschen“ und „Frühstück, Mittag, Abendbrot“ heißen. Ich hab immer noch nicht richtig ausgepackt und scheue mich auch davor. Beim heutigen Versuch blieb ich an den Kleinigkeiten hängen und schluckte als ich die bunte Geburtstagskarte meiner Schwester in den Händen hielt. Die sollte einen besonderen Platz an der Wand bekommen, erinnert mich im Moment aber nur daran, dass sie nicht da ist. Deshalb packe ich sie zurück in den Schutzumschlag. Auch deshalb, weil die Wohnung schrecklich feucht ist und ich Angst habe, dass sie nach einer Woche labberig von der Schimmelwand glotzt und mich verhöhnt. Also klebe ich nur die Postkarte „Hirn will Arbeit“ mit Klebestreifen an die Wand. Hab sie bei einem Freund in Düsseldorf in der Wohnung entdeckt und eingesteckt. Wenigstens habe ich jetzt Wandklebefreiheit. Das Haus soll bald abgerissen werden und es schert sich niemand um die teure (hah!) Wandfarbe.
Erst freue ich mich, dass meine Mitbewohnerin mit ihrer Mama zu Besuch ist, fühle mich dann aber auch nur extrem eingeschränkt und in Verhaltenszwang. Bin fast froh, als ich dann allein in der Wohnung sitze. Nur ich und der Lärm von der Baustelle gegenüber, der mich daran erinnert, dass hier das Leben weiter geht. Ob es mir passt oder nicht. Ab und zu hüpft eine nasse Krähe auf das Gerüst vor dem Fenster und krächzt mich an: ey, Dude, was geht? Ich zucke die Schultern: nichts.
Aber ehrlich, ich hatte auch schon schlimmere erste Tage. Als ich 2007 das erste Mal nach Mumbai kam und zunächst im Hostel wohnte für drei Wochen, hab ich mich in den Schlaf geweint so manche Nacht. Ganz leise natürlich, hatte ich doch so lange dafür gekämpft jetzt dort zu sein, wo ich nun war. Wer hätte gedacht, dass man sich so einsam und wirklich allein fühlen konnte. Das war mir in dieser Dimension vollkommen neu. Gut, soo schlimm ist es diesmal nicht. Ich kann mich immerhin rüber zu Anand-Bazar quälen, um eine riesen Coke zu kaufen und entdecke die tolle Gurken-Bodymilk, die ich bei zwei weiteren Freunden aus Köln, die im Jahr zuvor in Mumbai waren, benutzt habe und dann überrascht feststellte, dass die aus Indien ist. Aber zum Tante-Emma-Laden-Shoppen habe ich irgendwie auch keine Lust. Dabei sind diese kleinen Läden, die hier immer mehr durch riesige Malls verdrängt werden wirklich eine wahre Fundgrube. Da findest du wirklich alles und kannst danach auch lange und nach Herzenslust suchen. Oder dir einen der Deliveryboys schnappen (muss ich erwähnen, dass man sich hier wirklich ALLES nach Hause liefern lassen kann? Anruf genügt!) und ihn delegieren. Nee, ich tapere mit der Coke und einer lieblos ausgewählten Packung Pasta wieder heimwärts. Ob ich‘s nochmal mit Internet versuche?

Boah, wann ist wieder Montag!?

anya

ps/nachtrag: wer aufgibt wird belohnt…oder so. um halb zehn noch ein wager versuch, der zum erfolg fuehrte…ich bin online!!!


5 Kommentare on “wochenendblues”

  1. Andrea sagt:

    Ach Süße!
    wenn es dich beruhigt, zwar haben wir hier trockene Bürgersteige, dafür aber auch Arbeit (was du heute kannst besorgen….mpf!) , Lernen und Wohnung-saubermachen-Kram, der sich irgendwie immernoch nicht von allein erledigen will! Mir völlig unklar… Deshalb schicke ich dir einen lieben Sonntagsgruß. Für Kaffee ist zu warm, Kuchen habe ich nicht: also auch nur so! Ich drück dich ganz fest, hdl meine Große!

  2. Thea sagt:

    Keine Sorge, das wird schon alles wieder werden 🙂 Ich habe zwar keine Anfangsprobleme mit neuen/alten Orten aber dafür brauche ich meist ca. ein Jahr um mich wirklich irgendwo zu Hause fühlen zu können… das ist auch nicht schön…

  3. Christoph sagt:

    Tapern ist doch ein typisch Magdebuger Wort, oder?


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