LOVEnHATE (von der ambivalenz im sozialen exil)

in den letzten tagen wurde ich gleich mehrmals (sowohl von indischer wie auch deutscher seite) gefragt, wie mir mein leben in dieser stadt gefällt. how do you like it?
im allgemeinen schwingt in dieser frage ein leicht euphorischer unterton mit a la „isn’t it great“ (geil wa?) und ich, umso länger ich hier verweile, brauche immer länger, um eine antwort darauf zu finden.
meistens bleibt es bei dem stereotyp von „naja, du weisst ja, man kann Mumbai nicht lieben oder hassen. es ist immer beides.“
aber selbst das passt irgendwie nicht mehr so recht. da finde ich mich also wieder, gestern, am telefon mit einer langjährigen freundin, mit der ich seit meinem fernbleiben nicht besonders viel kontakt habe. (was aber nicht schlimm ist, ich denke oft an sie und sie bestimmt auch an mich! 🙂 ) natürlich freut sie sich meine stimme zu hören, die aus gleichem grund sehr fröhlich klingt. sie fragt, wie es geht. wie es mir geht-eine frage, die auf meiner hass-floskel-liste ganz ganz oben steht und nur bei einigen wenigen leuten mit einer ehrlichen antwort bedacht wird. bei ihr zum beispiel. und tatsächlich antworte ich mit: es geht mir ganz gut, ja. ich gucke von außen auf mich und wundere mich über meine antwort. ich bin nicht sicher, ob das stimmt.
das alltägliche leben in dieser stadt wird gegen aller erwartungen nicht einfacher, will einfach nicht einfacher werden!

mumbai hat sich in den letzten monaten zu einer vertrauten geliebten entwickelt, die in einer klammernden umarmung in mein ohr flüstert: du bist ein nichts hier, ein niemand.

dank inzwischen allbekannten medien halte ich meinen kontakt nach deutschland den umständen entsprechend ganz gut und pflege ihn täglich.
und gerade in den letzten wochen ist mir wieder sehr sehr deutlich vor augen, was ich an meinem leben hier habe und was eben nicht.
ganz klar zieht sich eine linie zwischen beruf und privatleben. ersteres kann und will ich mir in deutschland momentan so überhaupt nicht vorstellen und letzteres hier ist ganz oft einfach nur eine farce.
ja, nein, ja….es gibt soziale kontakte die gut funktionieren, aber das alltägliche dasein ist und bleibt anstrengend.
ich gewöhne mich nicht an gewisse dinge und hatte es insgeheim doch gehofft. dreck und schmutz-ja. wasserregulierung-ja. lärm-bedingt ja.
aber jeden, JEDEN morgen, wenn ich mich durch die arschlangsamen massen an der station bandra drängele (genauso in der stinkigsten unterführung der ganzen welt an der churchgate station) verspüre ich diese sehr explosive mischung aus furcht, ekel, aggression und einfach nur genervtheit. ich gebe mir mühe, mich auf das positive zu konzentrieren, dass auch da ist: der bunte sari der frau vor mir, die dumme ziege links oder ein papierdrachen der über den dächern fliegt. all das ist auch schön, ja.
was aber so stark wie der kackegeruch an diese ecke alles überdeckt, was an schönheit da sein könnte sind die sich am sack kratzenen, vulgären männerMASSEN und die schrillen, zickigen alten damen. es stört mich nichtmal, dass ich schwitze. während ich an der platform auf meinen zug warte. es ist nicht angenehm, gut, aber ich packe das. wa sich nicht packe, ist der zug, der am gegenüberliegenden gleis hält: voll voller localtrain! der bleibt stehen und geschätzte hundert augenpaare gieren hinüber. das wird und wird nicht einfacher zu ignorieren. im gegenteil. ich war schon zweimal kurz davor einem 1,65mann, der neben mir an der ampel im abstand von 1meter an mir herunterblickt in die eier zu treten oder ihn zumindest anzuspucken.
ein zeichen von absoluter hilflosigkeit, oder? allein mein stolz, mir diese blöße zu geben, hält mich zurück.

sitze ich dann im zug der ersten klasse für damen (die inzwischen mich und ich sie kenne), habe meine musik im ohr eingestöpselt und spüre den warmen (auch etwas miefigen) wind in den verschwitzten haaren und düse gen süden habe ich das gefühl, angekommen zu sein. auf dem richtigen weg.
das ist unheimlich gut. das würde ich nie gegen mein leben vor einem jahr eintauschen. gegen fließend warmes wasser, gegen ruhe und spaziergänge im park….na gut, letzteres war ein schweres opfer.

die frage lautet also: ab wieviel prozent „wohlgefühl“ kann man von „happy“ sprechen und wie stark ist beruf gegen privates abzuwiegen?

denn eine hoffnung nimmt langsam und grausam ihren abschied: dass ich hier sein kann, wie ich will. als frau und mensch.
und zumindest damit hatte ich in deutschland nie probleme.
(ich behaupte nicht, dass es dort keinen mainstream gibt, aber das reine existieren als individuum, zumal als weibliches, ist dort wesentlich WESENTLICH einfacher)

anya

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german food is the best…?

am letzten montag war es endlich soweit. ich bin endlich gaaaanz oben auf der leiter angekommen! das konsulat lud MICH (und meinen unsichtbaren partner) zum dinner ein!!  na gut, anlaesslich den 20. jahrestages des wiedervereinigung waren auch einige andere gaeste geladen…
ich war ehlich ziemlich gespannt, wenn auch schon meiner natur angepasst, am zweifeln, wie dieser empfang ablaufen wuerde. haendeschuettel und laechel laechel veranstaltungen waren auch nie so ganz mein ding…das mag einige hier, ueberraschen, ja!
meine laune verschlechterte sich schon zum ersten mal zusehens, als ich mich der frage des dresscodes stellen musste. um eine seeeeehr langes thema kurz zu machen 😉 ich entschied mich fuer eine neue hose (churidar) und eine geliehene kurta und geschenkte lederschuhe (fritzi, pakistanische schuhe beim deutsch-indischen dinner. ich finde das wegweisend!).
ich muss ehrlich gestehen, es gab zwei gute gruende, dort hinzugehen, die jeder wohl verstehen kann.
1. location: taj mahal hotel!!! realistisch betrachtet wird es noch ca….aeonen dauern bis ich mir ein zimmer, essen oder irgendetwas dort leisten kann (abgesehen von der frage, ob ich das auch will)
2. deutsches essen!!!  stichworte sind: sauerkraut, champis in sahnesosse und lachs!!!nicht zu vergessen: broooooot!!

was laesst sich also zu punkt 1. sagen? ich finde, das hotel reicht leider an seinen ruf nicht heran. oder: in einem land, wo eh schon alles glitzert und funkelt koennen mich ein paar kristallkronenleuchter und goldsaeulen leider nicht sonderlich beeindrucken. gucci-taschenlaeden haben mich eh noch nie beeindruckt und der aufgang zum ballroom erinnert mich irgendwie an eine mischung zwischen leo und kate) titanic ballroomtreppe und dem rathaus in erfurt.
in raum nummer 1 fand dann auch der erste teil des abends statt. stichwort hier: kultur. ich als kulturtante muss mich an dieser stelle beschweren…naja, gut, vielleicht nicht so harsch.
aaaber! das die indische nationalhymne auf barockinstrumente vorgetragen wurde, fand ich noch ganz nett. das ich dazu aufstehen muss, kannte ich aus dem kino (dazu wird man hier gezwungen, ich habe es aufgegeben, an dieser stelle zu protestieren). im anschluss kam dann allerdings die deutsche hymne und ehrlich, ich als nicht-nationalist…anti-nationalist haette mich nun gern hingesetzt. wie ich an den reaktionen meiner landsgenossen um mich herum bemerken konnte, war ich auch nicht die einzige. aber alle blieben stehen. sehr seltsam. und dann klingelte irgendwo hinten ein handy und die absurditaet erreichte eine vorlaeufigen hoehepunkt.
aber noch schlimmer war, und das sage ich durchaus mit etwas trauriger miene, die rede unseres neuen generalkonsuls. die art und weise, wie er ueber die wiedervereinung sprach, finde ich mehr als nur unangebracht und liess mich mit der frage zurueck, ob das die version sein wird, die sich in 100 jahren in den geschichtsbuechern finden wird. eine schwarz und weiss befreiungsgeschichte eines geteilten landes. ganz schlimm plakativ.
ich mein, wie gut/schlecht kann die rede eines diplomaten (die werden doch fuers schoen reden bezahlt!  ) sein, wenn sie ein mitglied des zu vertretenden staates in solche einer weise kompromitiert, dass diese person am liebsten einen harten gegenstand in form eines hammers (sichel wird fuer den notfall einbehalten) auf die tribuene geworfen haette (mit inschrift: sprich nicht so von meiner heimat!!)…??

anyway, ich hab das ueberlebt und bin daran gewachsen….!  

dann musik….die war gut, wenn auch eeeetwas zu lang.

zu punkt2.
aaahhh, welch eine wohltat: sauerkraut und leberkaes! i was happy! naja, almost. ich musste naemlich stehen zum essen!! und das, liebe freunde der europaeischen gastronomie, geht ja nun mal gar nicht!!!
ich verstehe, dass dort wenig platz war. trotzdem. ich will sitzen!
leider kein kummerkasten in der naehe, wo ich meine beschwerde in papierform einreichen kann…daran muss noch gefeilt werden.
versoehnung: ich hatte warmen apfelstrudel plus vanilleeis zum nachtisch!! heissa! toll!

dafuer liebes konsulat: vielen vielen dank!

ob ich allerdings mit dem vorlauf naechstes jahr nochmal komme… 🙄 muss ich mir erst noch ueberlegen.

sollte ich an diese stelle noch ein bisschen ueber die wirtschaftsbosse-ehefrauen bitchen??  i cooouuld! aber das eruebrigt sich wohl…

alles in allem also ein sehr zwiegespaltener abend zwischen heimatweh und wut ueber die praesentation derselben.

wie sagt man so schoen: alles gute ist nie beisammen!
lg anya