eine milde gabe

seit meinem ersten besuch in mumbai 2007/08 blieb die frage unbeantwortet: gebe ich oder gebe ich nicht?
Jeder westler wird mit diesem schlechten gewissen konfrontiert und einige scheitern schon nach wenigen tagen daran. Denn eines steht fest: wer elend nicht ertragen kann, sollte fern bleiben. Ich meine damit nicht nur schmutz und laerm, sondern vielmehr verkrüppelte, hungernde, alleingelassene alte, vielleicht schon tote, leidende und alles, was sonst unter dem stichwort elend zu finden ist.

Ebenso sehr wie man als zukünftiger reisender also versucht, sich auf das nahende elend vorzubereiten, wird man zuvor eingehendst gewarnt und zusehends schockiert von dem, was marktwirtschaft, kapitalismus oder welcher der passendenden geld-begriffe auch immer, aus diesem elend gemacht haben. Stichwort hier: organisiertes betteln. (das dürfte nach dem oscarkracher „slumdog millionaire“ auch dem weniger indienbelesenen publikum etwas sagen)
jedesmal also, wenn ein einarmiger an der ampel seinen stumpf gegen die scheibe drückte oder eine alte frau versuchte, meinen fuß zu berühren (eine große geste der demut) oder eine 14jährige mit schreiendem baby eine „essen“-gebärde machte…war sie da, die frage: geb ich was oder nicht?
gefolgt von: nützt ihm/ihr das was? Nützt mir das was? Ist das echtes elend oder nur echtes geschäftstalent? Und kann ich das an mich ranlassen?
wie auch immer, mein gewissen war aktiv. Mein geldbeutel nicht. Ich entschloss mich, niemandem etwas zu geben, außer, ich müsste es wirklich.

Letztens kam dann die reifeprüfung: am maharashtrian neujahr fuhr ich mit der rikshaw von borivali nach andheri, eine fahrt von einer guten halben stunde. Mehrere ampeln waren zu bewältigen. Und von oben muss es ausgesehen haben, wie in einem schlechten gruselfilm, wenn sich, sobald die autos, mopeds und rikshaws an der ampel hielten, von allen seiten die bettler angekrochen kamen…
ich hab wieder einmal „zu gemacht“, was schwierig ist, wenn man den alten mann ohne beine auf dem minirollbrett heranquietschen hört…madaaaam!
und das gewissen rotiert!
ich finde mich dann wirklich sehr fies und eben auch nicht konsequent genug, in einer der hiesigen ngo zu helfen…verzwickt.

22.03.2010:
ich komme gerade aus dem supermarkt am churchgate. Nach arbeit ermüdet, schonwieder schwitzend, ein bisschen hungrig und wie immer auch ein bisschen genervt. Überquere die straße. Eine ältere frau spricht mich an: madaam, can I speak to you?
da sie sauber gekleidet ist und nicht wie eine bettlerin aussieht, bleibe ich stehn, weil ich annehme, sie hat sich vielleicht verlaufen und findet den weg nicht oder so…
sie ist in den 70ern (könnte aber auch älter sein), trägt einfache westliche kleidung (wie man es bei den älteren christlichen damen sieht, diese veralteten kostümchen mit den dreiviertel röcken). Sie trägt ihre handtasche um den hals und ihre haare sind ein bisschen schlecht gefärbt, so dass das grauweiss deutlich heraus schimmert. Ein bisschen ungepflegt, aber nicht schmutzig. Sie hat kaum noch zähne und ihre augen haben diesen seltsamen schleier, dem man oder ich so gruselig finde, weil er irgendwie den tod ankündet…

sie fängt also an, mir eine geschichte zu erzählen der ich nur halb folge, zum einen, weil ihr englisch (wenn auch flüssig) nicht sehr gut verständlich ist und zum anderen, weil mir klar wird, dass ich nun in der falle sitze. Während ihre geschichte immer länger wird, sehe ich in ihre augen und denke….was tun? Ich merke, dass sie mir sympathisch ist.
die geschichte hat irgendwas mit medizinischer versorgung und dem nötigen kleingeld zu tun. Zum beweis, dass sie nicht mal was zu trinken hat, zeigt sie mir ihre leere flasche.
ich überlege, wieviel in meiner trinkflasche übrig ist.
ich frage, ob sie keine familie habe, die für sie sorgt… no family, husband died.
keine kinder? – no, children.
die rede wurde immer länger, immer länger…und ich wollte eigentlich nur nach hause. Also unterbreche ich sie mit: so, how can i help you?
was eigentlich eine doofe frage war, denn natürlich wollte sie geld.
aber fast schien sie zu scheu zu sein, um das auszusprechen. Sie redete noch eine weile um zahlen herum…eine freundin hätte ihr schon hundert rupien gegeben (mein kopf sprach: niemals, geb ich ihr 100!!) und jetzt würden ihr nur noch 50 rupien fehlen PUNKT.
ein kurzer moment stille.
ich sage: sie wollen fünfzig?
sie: haan (ja)
ich: das ist viel.
sie: unverständlicher redeschwall.
ich: i give you 20, ok?

Seltsamerweise habe ich genau den gleichen ton, wenn ich um etwas handeln will beim einkauf.

Ich gebe ihr 20, sie sieht nicht wirklich zufrieden aus. Die enttäuschung auf ihrem gesicht wirkt echt. Bevor meine sympathie sich in mitleid wandeln wird, wünsch ich ihr „best of luck“ und springe in den zug.

Dort sitze ich also, wie schon seit acht wochen.
zwischen den damen, mampfe bananenchips, lausche musik…sehe eine frau ohrringe verkaufen, zwei weitere neben mir fangen ein gespräch an, dass so laut wird, dass ich die laustärke auf den kopfhörern erhöhen muss.
ich schaue aus dem fenster und die bananenchips schmecken irgendwie nicht mehr…ich denke, 20 rupien…gute 30cent…

a.

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8 Kommentare on “eine milde gabe”

  1. Ulla sagt:

    Puh. Genau so ist es. Sehr anschaulich und gut auf den Punkt gebracht, das Dilemma. Ich habe vor einigen Wochen einem jungen Postkartenverkäufer mit einem braunen Trümmerhaufen Zahnreste im Mund eine sehr üppige Finanzspritze für seinen Traumberuf „Schuhputzer“ gegeben, er erzählte eine sehr jämmerliche Geschichte, und ich sagte mir, weil ich eben auch misstrauisch war: egal, jemand mit so schlechten Zähnen, der ist eindeutig nicht reich, und egal was der mir jetzt hier vorlügt, der braucht Geld. Ich hab ihn aber erst noch zum Tee eingeladen und mir ein paar Hindi-Floskeln beibringen lassen, so als Gegenleistung. Eigentlich war das alles recht nett, aber ein paar Tage später erzählte mir jemand, die Schuhputzkastennummer sei hier sehr beliebt. Ich glaube, was einen überfordert, ist, dass man so in die Verantwortung genommen wird, man ist immer gleich diejenige, die Geld hat, die helfen soll.
    Bei Hijras gebe ich übrigens sofort und ohne Murren, sonst verhexen die einen… muss man aufpassen.
    Ulla

  2. Daniela sagt:

    Unerschöpflich ist der Geschichtenreichtum, den die Bettler auf Lager haben. Oder war das wirklich die eine Ausnahme, die zu übersehen man ständig Angst hat? Was wenn man die einzig wirklich Hilfebedrüftige Frau einfach so hat stehen lassen?

    Wir hatten eine ähnliche Begegnung vor kurzem vor der Praxis der Kinderärztin. Alte Frau. Lange Geschichte. Krankheit. Keine Familie. Bla. Bla. 50 Rupien. Kaum hatte sie die in der Hand, war sie wie vom Erdboden verschluckt. Sie war NICHT die Ausnahme. Aber wir halten die Augen offen.

    Schöner Bericht.

  3. Wir hatten in Mumbai hin und wieder den Kindern Vada Pav gekauft oder hatten ein paar dieser Mouthfreshener-Tütchen verteilt, die hier immer unter „chocolate, chocolate“ geführt werden… Ansonsten ja, ignorieren ist wohl das einzige was hilft, mit dem schlechten Gewissen leben lernen und einen Teil des Tages Indien abschalten vom persönlichen Radar um nicht daran kaputtzugehen. In Kanada habe ich mir dagegen seltsamer Weise angewöhnt Obdachlosen auch ungefragt 1 Dollar in die Hand zu drücken. Vielleicht weil ich weiß, dass viele aus den Reservaten kommen und eh nicht viel vom Leben erwarten können oder weil sie geisteskrank sind und sich niemand um sie kümmert.Wie sie Jahr für Jahr die harten Winter überstehen, ist mir immer noch ein Rätsel.

    • paralleluniversumanja sagt:

      das mit dem vada pav finde ich eine schöne idee, aber ich hätte schreckliche angst, dass ich mich dann zu lange mit den kindern „beschäftigen“ müsste…ich weiss, das klingt jetzt sehr brutal, aber es ist ein einfacher im vorbei gehen „no“ zu sagen und nicht genau hinzusehen. aber zum nächsten stand zu laufen, sich mit ihnen zu unterhalten (denn natürlich würde die „which country“ frage auftauchen) und in ihre gesichter zu sehen…eine vollkommen andere sache. dazu fühle ich mich, ganz ehrlich, nicht in der lage…noch nicht.
      ich ignoriere also mit schlechtem gewissen.

  4. bepe sagt:

    Mir hat am besten die Stelle gefallen „Ich entschloss mich, niemandem etwas zu geben, außer, ich müsste es wirklich“ Im Prinzip mach ich das genauso, allerdings mit der Ergaenzung „wenn ich Lust habe“ Ich habe zu oft die Erfahrung gemacht „Gibst du einem, kommen alle“ Und das Gefuehl dann letztendlich keinem richtig $$$ geholfen zu haben ist genauso doof wie nix zu geben. Allerdings gebe ich auch gern mal ein paar Keckse oder Schokolade ab.

    • paralleluniversumanja sagt:

      naja, die gefahr, dass dann alle möglichen bettler ankommen bestand ja in dem moment nicht, aber ich kenne das. ich kapituliere einfach generell vor der frage: wem geben? wie es ebenfalls so schön heisst: man kann es nie allen recht machen…;)

  5. Kerstin sagt:

    Ich gebe meistens nichts, da ich im Auto sitze und „abgeschirmt“ bin.
    Vor meinem Buero taucht oefter eine heruntergekommene Frau auf, der ich fast jedesmal etwas gebe, da ich mir irgendwie doof vorkomme, in meiner Buerokleidung, mit dem Firmenschild am Hals, dem Handy und den Zigaretten in der Hand. Also ganz offensichtlich, dass ich aus einer anderen finanziellen Welt komme und es wirklich nicht weh tut, ein paar Rupies zu geben.

    Deshalb stimme ich Anja zu, es ist einfacher, im Vorbeigehen „nein“ zusagen (oder auch gar nichts) als dem Elend in’s Gesicht schauen zu muessen. Auch wenn es „organisiertes Elend“ ist, ist es eben doch Elend.

    LG
    Kerstin


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